Annika Reich, Lina Muzur (Hrsg.), Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt

Wenn Heimat nicht mehr Heimat sein kann, weil sie zerstört ist, weil man sie verlassen musste oder auch “nur” wollte, um das eigene Leben zu retten, was bleibt dann (noch)?

“Literatur ist eine Heimat, die umso wichtiger ist, wenn andere Heimaten verschwinden oder zerstört werden. Wer sie als seinen oder ihren Ort gefunden hat, weiß, wie stark, mutig, umsichtig und traurig wir in ihr und durch sie sein können. Sich dort zu begegnen, scheint mir eine der besten Möglichkeiten, um miteinander zu sprechen und Gehör zu schaffen”

Dieses Zitat von Nora Bossong beschreibt, worum es bei diesem literarischen Projekt geht: Um literarische Begegnungen mit Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten. Man erhält Einblicke in unterschiedliche Lebens- und Schreibwelten, in die Schwierigkeiten, in Kristensituationen noch schreiben zu wollen und den literarischen Austausch darüber mit deutschsprachigen Autoren. Vergangenheit und Krisen sind immer gegenwärtig, stehen aber nicht unbedingt im Fokus der Texte:

“Was uns verbündet ist das Schreiben. In unterschiedlichen Sprachen reden wir über uns, was uns ausmacht, wer wir sind. Viel mehr als über die Vergangenheit reden wir über die Zukunft. Über das, was wir schreiben wollen, über das, was wir vorhaben. Wir knüpfen eine Verbindung zwischen Berlin und Weimar und München, zwischen Jahren und Jahrgängen, zwischen Welten und Geschichten. Wir haben uns etwas zu erzählen. Was uns verbindet, liegt vor uns.”

Das Ergebnis lässt sich sehen und lesen. Beeindruckend, oft auch bedrückend, wenn man sich vor Augen hält, unter welchen Umständen einige Autorinnen leben und schreiben. Dennoch vermittelt diese Anthologie Hoffnung auf Möglichkeiten, miteinander und voneinander zu lernen, zu wachsen, wenn nämlich Austausch Verständnis für einander möglich macht. Dann ist er auf jeden Fall Bereicherung, von dem andere – die Leser – profitieren.

Die Anthologie enthält unterschiedliche Textformate: Gedichte, Erzählungen … Beigefügt sind ihnen Fotografien aus den Krisengebieten, die den Leser schmunzeln lassen und oft eigene Bilder evozieren:

(copyright: Rada Akbar, Ullstein Verlag)


(Copyright: Emman Alhasabani, Ullstein Verlag)

Annika Reich, Lina Muzur (Herausgeberinnen), Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt. Ullstein Verlag Berlin, 2018, 271 S., ISBN 978-3-550-05068-8

Datum: 28. März 2019
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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4 Kommentare

  1. Quer | Freitag, 29. März 2019 6:07
    1

    Das scheint ein ganz besonderes Buch zu sein.
    Ich werde mir den Tipp gerne merken. Der Titel ist wunderbar und die Bilder sind es auch.
    Lieben Morgengruss,
    Brigitte

  2. mona lisa | Freitag, 29. März 2019 6:18
    2

    Das ist es in jeder Hinsicht.
    Wünsche dir ebenfalls einen guten Morgen

  3. Sonja | Freitag, 29. März 2019 10:02
    3

    Die letzten paar hier vorgestellten Bücher behandeln Schmerzliches.Intensiv.
    Dadurch kann ich weiter in meine eigene Vergangenheit denken, besonders in die meines Vaters hinein, denn seine Mutter musste mit vier kleinen Kindern ihre Heimat verlassen. Das ihr Herz dort blieb, kann ich mir gut vorstellen.
    Überall zieht und zerrt es.
    Danke dir

  4. mona lisa | Samstag, 30. März 2019 1:05
    4

    Hier bei mir auch. Immer wieder „ploppt“ die Erinnerung an Vergangenes hoch. Und ich darf bemerken, wo, in welcher Hinsicht ich mit wem noch nicht im Reinen bin.
    Und vermutlich hört dieser Prozess nie auf.
    Fühle mit dir.

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