Édouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht

Dieses schmale Bändchen ist kein Krimi, wie vielleicht der Titel vermuten lassen könnte. Es wird aus der Sicht des Sohnes, der als Ich-Erzähler vorkommt, von einer – autobiografisch gefärbten – schwierigen Vater-Sohn-Beziehung erzählt:

“Einmal schrieb ich in mein Heft über dich: Die Geschichte seines Lebens erzählen heißt, die Geschichte meiner Abwesenheit schreiben.”

Schon lange ist der Sohn aus dem Haus, Kontakt kaum vorhanden, schon früher redete der Vater nicht:

“Letzen Monat habe ich dich in der kleinen Stadt im Norden besucht, wo du jetzt wohnst. … Ich hatte dich einige Monate nicht gesehen – es ist lange her. Als du die Tür aufmachtest, erkannte ich dich erst nicht wieder.
Ich sah dich an, versuchte, die Jahre, die ich fern von dir verbracht habe, aus deinem Gesicht zu lesen.”

Der Vater ist inzwischen sehr krank, obschon er erst gerade über fünfzig ist:
“Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat. … Für die Herrschenden ist Politik eine ästhetische Frage, eine Art, sich zu denken, zu erschaffen. Für uns ist sie eine Frage von Leben oder Tod”.

Die Politik Frankreichs bzw. die der verschiedenen Präsidenten wird ursächlich für die Situation des Vaters verantwortlich gemacht. Gleichzeitig aber sieht der Ich-Erzähler auch im Männlichkeitsbild des Vaters Gründe für den Verlauf seines Lebens:

“Ein Mann sein – sich nicht wie ein Mädchen, wie eine Schwuchtel aufführen – bedeutete, möglichst früh von der Schule abzugehen, um den anderen seine Kraft zu beweisen, möglichst früh, um ihnen seine Unabhängigkeit zu beweisen, und daraus schließe ich Männlichkeit konstruieren bedeutete, sich ein anderes Leben zu versagen, eine andere Zukunft, ein anderes gesellschaftliches Schicksal, das durch eine Ausbildung möglich geworden wäre. Die Männlichkeit hat dich zur Armut verdammt, zum Geldmangel. Hass auf Homosexualität = Armut.”

Ich kann dieser Argumentation nicht wirklich folgen. Denn ob auch die Politik für das Männerbild, bzw. die Entscheidung, diesem Männerbild zu entsprechen, verantwortlich ist, erschließt sich mir nicht. Ich habe nur immer mehr darüber gestaunt, wie der Sohn das Leben seines Vaters interpretiert, mit einer Gewissheit, die mich hat staunen lassen:

“Wenn ich heute darüber nachdenke, so finde ich, dein Dasein war gegen deinen Willen – und eben gegen dich ein Dasein ex negativo. Du hattest kein Geld, du hast keine Ausbildung machen können, keine Reisen unternehmen, keine Träume verwirklichen können. Um dein Leben zu beschreiben, stehen der Sprache nur Negationen zur Verfügung. … Dein Leben beweist, dass wir nicht sind, was wir tun, sondern im Gegenteil sind, was wir nicht getan haben, weil die Welt oder die Gesellschaft uns daran gehindert hat.”

Die zu Beginn noch sehr feinfühlige und eindringliche, literarische Darstellung der frühen Beziehung zwischen Vater und Sohn geht zunehmend über in ein aus meiner Sicht sehr einseitiges Pamphlet. Wie kann der Sohn das Leben seines Vaters, zu dem er erst so langsam eine engere Beziehung bekommt, so bewerten, so deuten? Ist das zulässig, angemessen? Besitzt er die Deutungshoheit?

Man kann sicher darüber streiten, wie sehr materielle, gesellschaftliche Gegebenheiten Einfluss auf menschliche Lebensläufe haben, aber alles diesen Gegebenheiten anzulasten, bedeutet meiner Ansicht nach zu behaupten, etwas wie den menschlichen Willen und damit die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, gäbe es gar nicht.

Umso erstaunter liest man dann am Ende:

“Du hast dich in den letzten Jahren verändert. Du bist ein anderer geworden. Wir haben uns unterhalten, lange, wir haben uns ausgesprochen, ich habe dir Vorwürfe gemacht wegen des Menschen, der du in meiner Kindheit warst, für deine Härte, dein Schweigen, für die Situationen, die ich hier schildere, und du hast zugehört. Du, der du dein Leben lang darauf herumgeritten bist, an den Problemen Frankreichs seinen die Ausländer und Homosexuellen schuld, du kritisierst jetzt den in Frankreich herrschenden Rassismus, du bittest mich, dir von dem Mann zu erzählen, den ich liebe. Du verkaufst meine Bücher, verschenkst sie nach links und nach rechts. Du hast dich von einem Tag auf den anderen verändert, einer meiner Freunde sagt, die Kinder würden die Eltern verändern, nicht andersherum.

Mich lässt dieser Band etwas ratlos zurück. Möge jeder aus dem, was ich hier geschrieben habe, sein eigenes Fazit ziehen und entscheiden, ob er das Buch lesen mag oder nicht.

Édouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht, a.d. Franz. v. Hinrich Schmidt-Henkel, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2019, 77 s., ISBN 978-3-10-397428-7

Datum: 23. April 2019
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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