Julia Rothenburg, hell dunkel

„In Filmen wirkt das immer ganz einfach mit dem Tod und dem Sterben und dieser ganzen Trauersache, sagt sie.
Ich kenn mich da nicht so aus, sagt Robert.
Also erstens mal stirbt fast nie jemand. Wenn einer stirbt, dann geht es schnell, dann ist es eher der Tod, der wichtig ist, so als Fakt, weniger die Trauersache. Dann stehen alle anderen Figuren am Grab, zum Beispiel, und heulen und sind traurig, und später geht es dann um was anderes, dann passiert auch schon das Nächste, keine Ahnung, eine Explosion oder ein Bankraub oder so.
Na ja, sagt Robert. Sind ja auch nur 120 Minuten, die ein Film Zeit hat.“

„hell dunkel“ ist der Roman der Halbgeschwister Robert und Valerie. Er ist dreiundzwanzig und dunkelhäutig, sie neunzehn und hellhäutig. Ihre gemeinsame Mutter Karin befindet sich im Endstadium einer Krebserkrankung und muss plötzlich ins Krankenhaus. Die beiden besuchen sie, immer mit gemischten Gefühlen, da sie nicht wissen, wie ihre Mutter mit ihnen umgehen wird, was sie von ihnen erwartet oder auch nicht.

Schnell ist klar, dass Karin austherapiert ist und nicht im Krankenhaus bleiben kann. Doch wohin mit der Mutter? Letztendlich setzt sie durch, dass sie zu Hause sterben kann. „Ich will einfach bloß meine letzte Zeit, ja, was weiß ich, auf jeden fall will ich meine Ruhe.“ Und die bekommt sie im Krankenhaus mit den blutjungen, umherhuschenden Pflegerinnen nicht.

Das hat zur Folge, dass Mitarbeiter von Pflegediensten immer wieder in der Wohnung auftauchen, in der Valerie mit ihrer Mutter lebt. Robert war bereits ausgezogen, hat in Marburg gelebt und dort auch eine Lehre gemacht, ist jetzt aber wieder in Berlin und wohnt ebenfalls in der Wohnung.

Beide sind in jeder Hinsicht mit der Situation überfordert, vor allem emotional. Sie wissen nicht, wie, was sie fühlen sollen, haben offensichtlich auch nie gelernt, die eigenen Gefühle zu beachten:

„Woher soll man dann wissen, was das richtige Gefühl ist? Wenn man alles fühlen kann, alles durcheinander, dann kann ja genauso gut alles ausgedacht sein, oder“

Beide suchen nach Halt, Orientierung, wissen aber nicht, wie und wo sie sie finden können:
„Erwachsen werden, heißt Kontur bekommen, also weniger rumheulen, denkt Valerie. Das ist vielleicht auch schon das ganze Geheimnis.“

Valerie schwänzt die Schule, obwohl sie kurz vor dem Abitur steht, schläft immer wieder mit Ali, einem „Freund“, den sie sonst nicht wirklich mag. Und Robert hat gerade seine Lehre hingeschmissen, sich mit seiner Freundin zerstritten und ist von Marburg weg, einer Stadt, in der er sich offensichtlich auch nicht wohlgefühlt hat.

In dieser schwierigen Situation kommen sich die beiden Geschwister näher. Sie finden in der Gegenwart des anderen so etwas wie Geborgenheit und Sicherheit. Doch sie kommen sich näher als erlaubt: Sie schlafen miteinander. Unbeobachtet zu Hause fühlt es sich für sie normal an. Doch sobald jemand ihre Zärtlichkeiten beobachten könnte, geraten sie in den Zwiespalt zwischen ihren Bedürfnissen und dem Wissen um das Inzestverbot.

Der Roman endet damit, dass beide die Nacht über in der Küche sitzen und darauf warten, dass ihre Mutter stirbt. Der Pfleger hat sich mit einigen für sie komischen Bemerkungen verabschiedet. Sie mögen die Heizung runterstellen, die Hand der Mutter halten, falls sie dies wünsche. Und sie könnten ihn jederzeit anrufen,
„wenn was – sagt der Pfleger zu Robert, spricht nicht zu Ende. Der Pfleger drückt ihm den Arm, als er an ihm vorbeigeht.“

So sitzen sie da, warten und spielen diverse (Karten-)Spiele. Morgens führen Valerie und Robert folgendes Gespräch:

„Sollen wir jetzt nachgucken gehen, fragt Valerie.
Wenn du willst.
Ich will nicht.
Soll ich allein nachgucken gehen?
Robert lehnt sich vor, stützt die Hände schon auf, bereit, aufzustehen.
Valerie schüttelt den Kopf, schüttelt ihn noch mal.
Nein, wir machen das zusammen. Aber lass uns noch kurz hier sitzen.
Sag Bescheid, wenn du bereit bist, sagt Robert.“

Es ist ein Roman über Tod und Sterben, Einsamkeit, Hilflosigkeit und Trostlosigkeit, die nicht erst am Ende in dieser Familie herrschen, da aber besonders spürbar. Keiner ist wirklich in der Lage, mit anderen zu kommunizieren, sich mitzuteilen und vielleicht auch Trost zu spenden. Das haben sie nicht gelernt.

Die Sprache ist sehr reduzierte Alltagssprache in Wortwahl und Satzbau und bildet damit sicher die „Denke“ und den Jargon der beiden Jugendlichen ab, ist also authentisch und angemessen und in der Lage, subtil die Absurdität gewisser Situationen – etwa den Besuch in einem Beerdigungsinstitut – darzustellen.

Julia Rothenburg, hell dunkel, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 2019, 314 S., ISBN 978-3-627-00259-6

Datum: 15. April 2019
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2 Kommentare

  1. sylvia | Montag, 15. April 2019 17:14
    1

    es ist ein schwieriges thema und derzeit könnte ich es glaub ich nicht lesen. allzuviel davon ist „in echt“ geschehen und geschieht. dennoch klingt es, als sei es ein interessantes buch. danke fürs vorstellen!
    lieber gruß
    Sylvia

  2. mona lisa | Montag, 15. April 2019 17:28
    2

    Mir helfen Bücher immer wieder beim Verarbeiten – auch von Erlebnissen, die „in echt“ passiert sind. Allerdings ist der passende Zeitpunkt nicht unwichtig.
    Liebe Grüße

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