Christopher Isherwood, Leb wohl, Berlin

Die von Christine Nippoldt am Linol- und Holzdruck orientierten Illustrationen dieser Ausgabe fokussieren in hervorragender Weise die von Christopher Isherwood gesammelten Eindrücke von Berlin und seinen Bewohnern in den frühen dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts:

„Scheinbar zufällig zusammengesammelt hat er sie, die Leute, die Dialoge, die Ereignisse und dann im Nachhinein geordnet und unter Kapitelüberschriften katalogisiert. Er scheint mir manchmal wie ein Ethnologe, der sich voller Lust am Beobachten in die Begegnung stürzt und jede bezaubernde wie skurrile Eigenart seines Forschungsobjektes minutiös festhält.“ So beschreibt Christine Nippold in ihrem Nachwort von „Leb wohl Berlin“, die sich mit diesem Buch intensivst auseinandergesetzt hat, um ihre Illustrationen kreieren zu können.

Für Isherwood hat Berlin verschiedene Welten:
– die der Schönen und Reichen, sichtbar an der „Zusammenballung teurer Hotels, Bars, Kinos und Geschäfte rund um die Gedächtniskirche, ein funkelnder Lichterkern wie ein falscher Diamant im Zwielicht der Stadt
– die der „unsichtbaren bürgerlichen Mitte mit ihren sorgfältig arrangierten Bauten Unter den Linden. In prunkvollen Formen aus aller Welt, in Kopien von Kopien bekräftigen sie unsere Würde als Hauptstadt.“
– die derjenigen, die sich für ihr Überleben abstrampeln müssen, beengt wohnen, sich mit der Untervermietung und schlecht bezahlter Arbeit über Wasser halten müssen
– und derjenigen, die im Tiergarten übernachten müssen, weil sie „aus ihren kleinen geschützten Dörfern“ in die Stadt gekommen sind „wo sie nach Essen und Arbeit Ausschau halten. Aber die Stadt, die so hell und einladend am Nachthimmel über der Ebene glühte, ist kalt, grausam und tot. Manch einer von ihnen wird kriminell, um nicht verhungern zu müssen.

Der Ich-Autor, der sich im Roman auch Christopher Isherwood nennt – vorsorglich aber darauf hinweist, dass die Leser nicht berechtigt seien zu glauben, „dass diese Seiten rein biografisch oder dass die Figuren ehrabschneidend exakte Porträts lebender Menschen seien“ – hat als Englischlehrer und Möchtegernschriftsteller zu fast allen Welten „seines Berlins“ Zutritt. Und er beobachtet sorgfältig, was und wen er dort sieht und erlebt, vornehmlich die Menschen, mit denen er es zu tun hat. Und so entsteht eine „Porträtsammlung“ verschiedenster Persönlichkeiten, an denen immer mehr der Einfluss der politischen Entwicklung im Berlin der dreißiger Jahre erkennbar ist. Da ist das „arme Fräulein Schroeder“, bei der Autor zeitweilig gewohnt hat, bevor er dann Berlin endgültig verlässt:

„Es hat keinen Zweck, ihr etwas zu erklären oder mit ihr über Politik zu reden. Sie passt sich schon an und wird sich auch jedem anderen neuen Regime anpassen. Heute Morgen hörte ich sie im Gespräch mit der Portiersfrau ehrfürchtig den ‚Führer‘ erwähnen. Wollte man sie daran erinnern, dass sie bei den Wahlen im letzten November für die Kommunisten gestimmt hat, so würde sie das wahrscheinlich energisch abstreiten und selbst daran glauben, dass sie die Wahrheit sagt. Sie akklimatisiert sich nur, sie folgt einem Naturgesetz wie ein Tier, das sich ein Winterfell wachsen lässt. Tausende wie Fräulein Schroeder akklimatisieren sich. Sie müssen ja weiterleben in dieser Stadt, ganz gleich welche Regierung an der Macht ist.“

Oder ein Nazianhänger in Uniform, der nachts an der Straße steht, um deutsche Frauen zu schützen und nicht davor zurückschreckt, seiner Meinung nach missliebige Gestalten zu verprügeln. Doch auch tagsüber nimmt die Gewalt gegen Andersdenkende, Andersaussehende zu, etwa bei (politischen) Menschenansammlungen, wenn SA Anhänger auf einen Jugendlichen zugehen und auf ihn mit den Metallspitzen ihrer Fahnen einstechen. Passanten und die Polizei schauen zu:

„Inzwischen hatten sich Dutzende Zuschauer eingefunden. Sie wirkten überrascht, aber nicht sonderlich schockiert – dergleichen passierte heute zu oft. ‚Allerhand …‘ murmelten sie. Zwanzig Meter weiter, Ecke Potsdamer Platz, stand eine Gruppe schwer bewaffneter Polizisten. Mit geschwellter Brust, die Hände am Koppel, sahen sie stolz über die ganze Angelegenheit hinweg.“

Inzwischen wollen Menschen auch Englisch lernen, weil sie sich mit dem Gedanken an ihre Emigration vertraut machen und es sich leisten können, Berlin zu verlassen, wie ihr Englischlehrer, der ganz zum Schluss konstatiert:

„Die Sonne scheint und Hitler herrscht über diese Stadt. Die Sonne scheint, und Dutzende meiner Freunde – meine Schüler aus den Arbeiterkursen, die Männer und Frauen, die ich aus der Internationalen Arbeiterhilfe kenne – sind im Gefängnis, womöglich tot. …
Auch jetzt kann ich noch nicht ganz glauben, dass sich das alles zugetragen hat …“

„Leb wohl, Berlin“ ist für LeserInnen geeignet, die Freude an genauer, sprachlich eleganter Porträtierung von Menschen haben und an subtilen Anspielen auf die politische Entwicklung des Berlins der dreißiger Jahre. Leser, die eher eine tragende Handlung brauchen, wären eher enttäuscht.

Christopher Isherwood, Leb wohl, Berlin, illustriert von Christine Nippold, unter der Mitarbeit von Robert Nippold u. Saskia Kunze, übersetzt v. Kathrin Passig u. Gerhard Henschel, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M. 2018, 319 S., ISBN 978-3-7632-6918-1

Datum: 16. Mai 2019
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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