David Foenkinos, Die Frau im Musée d’Orsay

„Die Betrachtung der Schönheit war für ihn ein Mittel gegen die Hässlichkeit der Welt. Er hatte es schon immer so gemacht. Wenn es ihm schlecht ging, hatte er ein Museum besucht. Das Wunderbare war immer noch die beste Waffe gegen den Schmerz.“

Davon ist Antoine Duris, Professor an der Hochschule der Schönen Künste, überzeugt und handelt entsprechend. Von einem Tag auf den anderen – scheinbar ohne Grund, zumindest für seine Umgebung nicht erkennbar – kündigt er seine Stelle, bricht alle Kontakte hinter sich ab, unterzieht sich einer „Schweigekur“ und bewirbt sich als Museumswärter im Musée d’Orsay. Er bekommt die Stelle nach anfänglichem Zögern der Personalchefin Mathilde Mattel, die Duris für völlig überqualifiziert hält.

„Ich mag Kunst. Ich habe sie auch studiert, ich habe sie gelehrt, in Ordnung, aber im Augenblick möchte ich eben nur dasitzen und von schönen Bildern umgeben sein.“ Das ist seine Begründung ihr gegenüber für seine Bewerbung.

Lange ist der Leser genauso ahnungslos wie die Umgebung Duris. Nach und nach setzt der auktoriale Erzähler, der stets aus der Perspektive der von ihm beschriebenen Personen erzählt, den Leser in Kenntnis. Am Ende des 1. Kapitels steht man frühmorgens mit Duris in Begleitung von Mathilde Mattel, die offensichtlich Zugang in seine abgeschottete Welt bekommen hat, an einem Grab mit der Aufschrift:

CAMILLE PERROTIN
1997-2017

Was er mit dieser jungen Frau zu tun hat, bleibt noch länger verborgen. Dass die beiden aber miteinander zu tun hatten, ist zu diesem Zeitpunkt aber offensichtlich. Und es gibt Parallelen zwischen Duris und Camille Perrotin im Verarbeiten seelischer Schmerzen, Verletzungen und Traumatisierungen: die Schönheit eines Kunstwerkes, im Betrachten und im Kreieren eigener Kunstwerke:

„Sie erkannte die heilende Kraft der Schönheit. Ein Kunstwerk lässt immer den Blick des Betrachters zu, so entsteht eine reine Form des Austauschs, das Werk scheint den Schmerz des Betrachters zu verstehen und ihn schweigend zu trösten, es hat einen beruhigenden festen Platz in der Ewigkeit und hat nichts anderes im Sinn, als Schönheit auszustrahlen. Die Trauer vergeht bei Botticelli, die Angst bei Rembrandt und der Kummer bei Chagall.

Wie und wo die beiden Protagonisten sich treffen, soll hier nicht verraten werden, um der geschickt konstruierten Handlung nicht die Spannung zu nehmen.

Neben der Schönheit als Möglichkeit, seelische Wunden zu verarbeiten, geht es aber auch um die Notwendigkeit echter menschlicher Zuwendung, die heilend wirksam sein kann, sowie um den Umgang mit tatsächlicher oder nur vermeidlicher Schuld und der Frage der Verantwortlichkeit.

Die Sprache des Romans ist einfach, die Vorgänge seelischer Befindlichkeiten bleiben meist vage and er Oberfläche:

„Natürlich hatte sie schon vor dem Drama ihres Lebens viel gemalt, und natürlich hatte ihr Stil viel Eigenes, aber nun ging sie mit mehr Bestimmtheit und genaueren Vorstellungen and die Sache heran. Es gibt immer einen Moment, an dem der Künstler spürt: Jetzt ist es soweit. Den Moment spürte Camille in diesem Sommer. Sie kehrte durch die Kunst ins Leben zurück, und das verlieh ihr Kraft und Klarheit. Sie war einzigartig. Dieses Gefühl floss durch ihre Adern.“

Ob es Unvermögen ist oder eine Einladung an den Leser, das Vage mit eigenen Fantasien zu füllen, mag jeder für sich selbst beantworten.

David Foenkinos, Die Frau im Musée d’Orsay, Roman, a.d.Franz. v. Christian Kolb, Penguin Verlag, München 2019, 236 S., ISBN 978-3-328-60086-2

Datum: 13. Mai 2019
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4 Kommentare

  1. sylvia | Montag, 13. Mai 2019 12:34
    1

    das erinnert mich daran, wie ichs an „kopfhängertagen“ mach: ins museum gehen. wahrscheinlich gar nicht so sehr wegen der „schönheit“, das ist oft so eine subjektive empfindung. eher wohl wegen des andersseins. der überraschungen. die räume, die werke, die menschen – alles anders als das alltägliche. uns so fühle ich mich rausgehoben, wie mit der schaumkelle aus einem stickigen teich – ab ins brausebad. oder so ähnlich:-)))…
    lieber gruß
    Sylvia

  2. mona lisa | Montag, 13. Mai 2019 21:02
    2

    Mag deine metaphorische Sprache.
    Danke auch für die Rückmeldung. Liebe Abendgrüße

  3. geschichtenundmeer | Montag, 13. Mai 2019 16:10
    3

    Und ich dachte schon, ich wäre die einzige, die ins Museum geht, wenn es ihr schlecht geht.

  4. mona lisa | Montag, 13. Mai 2019 21:04
    4

    Schöne Dinge tun – hilft häufig in solchen Situationen, fast allen.
    Liebe Grüße

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