David Roth, Ingrid Niemeier, Nimm Zimt

Kochen als Trost, Therapie, Möglichkeit, Trauer zu bewältigen und ins eigene, veränderte Leben zurückzufinden? Warum nicht?

Nachdem Ingrid Niemeiers Mann nach 34 Jahren Ehe gestorben ist, hat sie sich zunehmend in ihre Küche zurückgezogen und gegen ihre Trauer angekocht, vor allem mit Zimt, denn “Zimt ist die Ermunterung etwas zu wagen. Zuerst in der Küche, dann sehen wir weiter.”

Kreativ hat sie Rezepte ausprobiert, sich mit sinnlichen Düften umgeben, die sie umarmen, weil sie frohe Erinnerungen wachrufen. Sie merkt für sich, dass das Kochen “die einzige Zeit des Tages ist, in der ich bin. … Die pure Version aus Mandarinen, Zucker und Zitronen ist unschlagbar, Kindheit steigt aus der Tiefe auf. Das ist inneres Leuchten. Der Geruchssinn öffnet Schubladen in den Archiven des Gehirns. Mandarinen: unbesorgte Fröhlichkeit mit Schneeflocken auf der Nase.”

Doch Kochen, Einkaufen machen auch ihr Alleinsein deutlich, etwa wenn sie im Mai Spargel auf dem Markt sieht, für den immer ihr Mann zuständig war. Und ihr wird zudem deutlich, dass seine Zubereitungsart nicht wirklich ihre war:

“Ich will den Spargel nicht mit Sößchen und Kartöffelchen zubereiten. Musst du gar nicht! Da sticht die Realität wieder zu: Du kannst ab jetzt für immer alles so machen, wie du es willst. Der Spargel ist die lächerlichste Verdeutlichung dieser zweifelhaften Freiheit. Keine Butter mehr, kein Parmesan, kein kleines Steak und kein gehacktes Ei. Ich mache grünen Spargel mit Olivenöl im Ofen auf Kartoffelpüree. Ich backe weißen Spargel mit Rosmarin und Zitronenscheiben zu rohem Babyspinat und gerösteten Brotwürfeln. Grüner Spargel mit Miso-Sauce, Spargel Pannacotta und Spargel Gazpacho, Spargel mit Bratwurst und Himbeer-Rettich, weißer Spargel mit Linsen und Erbeerpüree, grüner Spargel mit Aprikosen.”

Sie hat schon recht bald eine Art Kochtagebuch angelegt, eine Kombination aus Rezepten und Notizen über die eigene Befindlichkeit. Und sie merkt nach einem Jahr, dass zwar ihre Trauer nicht wie erhofft vorbei ist. Doch sie kann dennoch feststellen: “Ich halte mich jetzt besser aus. Das macht es den anderen leichter, bin nicht mehr bis an die Zähne mit Schmerz bewaffnet.” Sie bilanziert ihre Küchentätigkeiten: Und diese Bilanz lässt sich sehen.

Dieses besondere Kochbuch. In 22 Kapiteln findet der Leser ihren Trauerprozess , teils humorvoll, ironisch mit wunderbaren Vergleichen beschrieben, kombiniert mit sehr ungewöhnlichen Rezepten und Anmerkungen von David Roth, einem Beerdigungsunternehmer aus dem Bergischen, der als Trauerbegleiter in seiner privaten Trauerakademie ungewöhnliche Wege geht und u.a. die Idee seines Vaters umsetzt, Kochkurse für Trauernde anzubieten.

Für ihn steht das das Verbindende des Kochens im Vordergrund, das gemeinsame Einkaufen, Kochen und anschließende Genießen und das sich Erinnern. Er verbindet die Arbeit an diesem Buch mit der Hoffnung, “dass ein bisschen vom Geist dieser Kochkurse in diesem Buch steckt und Sie über das sinnliche Kocherlebnis Schritt für Schritt zurück ins Leben finden.”

Es ist ein schön gestaltetes Buch, die Beiträge von Niemeier und Roth sind farblich unterschiedlich, so dass eine Zuordnung auf den ersten Blick erkennbar ist. Garniert sind die Beiträge mit schönen Bildern, die einen bildhaft sinnlichen Eindruck der Kochergebnisse zeigen.

Im Anhang findet man ein Glossar, in dem “Was ist was?” erklärt wird und ein alphabetisch angeordnetes Rezeptverzeichnis.
Anregend in jeder Hinsicht.

Zu den Rezepten kann ich noch nichts sagen. Doch ich bin sicher, ich werde einige davon ausprobieren, weil mich Rezepte ansprechen, die Zutaten kombinieren, die ich zunächst für nicht kombinierbar halte, wie Kartoffelsuppe mit Zimt und Kurkuma in dem Kapitel: Mit Kartoffeln allein zu Haus.

David Roth, Ingrid Niemeier, Nimm Zimt. Tröstende Rezepte in Zeiten der Trauer, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019, 169 S., ISBN 978-3-579-07315-6

Datum: 20. Mai 2019
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4 Kommentare

  1. Sonja | Montag, 20. Mai 2019 6:37
    1

    Ja.
    Warum nicht?
    Mal was ganz Anderes.
    Es klingt sehr verlockend.
    Das mit den Mandarinen, das mit der Neu-Kocherei, nach und mit den Schmerzen.-
    Gruß von Sonja
    P.S. Meine Worte können leider nicht meine Verzauberung angesichts dieser wunderbaren Besprechung verdeutlichen.

  2. mona lisa | Dienstag, 21. Mai 2019 7:34
    2

    Danke für diese euphorische Rückmeldung.
    Ja, das Buch hat mir‘s schon angetan.
    Liebe Grüße.

  3. Quer | Montag, 20. Mai 2019 7:04
    3

    Das tönt wirklich verlockend.
    Mal ein ganz anderes Koch- und Trostbuch. Danke fürs “Gluschtigmachen”.
    Lieben Gruss in den Montag,
    Brigitte

  4. mona lisa | Dienstag, 21. Mai 2019 7:33
    4

    Was ist denn „Gluschtigmachen“?
    Liebe Grüße.

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