Miriam Gebhardt, Wir Kinder der Gewalt


In diesem Band der Journalistin und Historikerin Miriam Gebhardt geht es um eine sehr spezielle Gruppe von Kriegsbetroffenen, von vergewaltigten deutschen Frauen und ihren Kindern, die durch die Vergewaltigung ihrer Mütter entstanden sind.

Diese Frauen und meist auch ihre Familien leiden zum Teil bis heute unter den Auswirkungen dieser Vergewaltigungen, weil diese eine Reihe von Stigmatisierungen der Frauen und ihrer Kinder zur Folgen hatten. Statt diesen Frauen mitfühlend zu begegnen, ihnen zuzuhören oder auch hilfreich zur Seite zu stehen, wurden sie oft für diese Vergewaltigungen verantwortlich gemacht, mit verheerenden sozialen, finanziellen, gesundheitlichen Auswirkungen.

Dass auch Männer Opfer von Vergewaltigungen geworden sind, wurde in der Öffentlichkeit überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Darüber gibt es dann auch entsprechend kaum Informationen, so dass die Autorin sich auf die vergewaltigten Frauen fokussiert.

“Eine besondere Tragik der Ereignisse, die sich bei Kriegsende in Deutschland ereigneten, ist, dass in vielen Fällen die Opfer selbst verantwortlich gemacht wurden für ihr Unglück; aus Vergewaltigten wurden Verführerinnen, “Ami-Liebchen” und “sexuell Verwahrloste”, die im schlimmsten Fall zur Strafe für das erfahrende Leid auch noch ins Heim oder ins Gefängnis gesteckt wurden. Dieses Stigma von den vielfältigen anderen Belastungen der Vergewaltigungsopfer scharf zu trennen und die Folgen abzuwägen, ist kaum möglich.”

Sie unternimmt dennoch den Versuch: Auf der Basis von fünf ausführlichen Falldarstellungen werden die individuellen Spuren und Aspekte geschildert, um daran anschließend “den Fokus auf die allgemeine Situation zu richten, um Analyse und Einordnung zu ermöglichen. Denn viele der erschreckenden Details der Lebensgeschichten lassen sich nur vor dem allgemeinen Zeithintergrund verstehen.”

Schweigen, Stigmatisierung, Ausgrenzung der Frauen und ihrer Kinder waren an der Tagesordnung. Selten waren die Mütter in der Lage, die Kinder bei sich zu behalten, weil sie arbeiten mussten. Meist wurden sie wurden ihnen weggenommen, zur Adoption frei gegeben oder zu weit entfernten Verwandten abgeschoben, wo sie dann oft auch nur zeitweilig bleiben konnten. Erst wenn die Frauen verheiratet waren, konnten sie die Kinder zum Teil wieder zu sich nehmen, wenn der neue Mann damit einverstanden war. Die Kinder bekamen oftmals nun aber sowohl die Ablehnung der Mutter als auch des Stiefvaters zu spüren, der diese Kinder of nur aus finanziellen Gründen in die Familie aufnahmen. Kam dann noch ein “neues Kind” wurde es in den allermeisten Fällen sehr schwierig.

Die bis heute nicht vollständige Aufarbeitung dieses Teils deutscher Geschichte macht sich nach Ansicht der Autorin aktuell noch in der oft hoch emotional aufgeladenen Bewertung sexueller Übergriffe durch Migranten deutlich:

“Das Szenario’Fremder, womöglich dunkelhäutiger Mann vergewaltigt deutsche Frau in dunkler Gasse’ hat sich tief im allgemeinen Bewusstsein eingenistet.”

Der Fokus auf den Aspekt von Sexualität und Gewalt zu legen, hat andere Fragen der Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland, im Gegensatz zu anderen Ländern, in den Hintergrund treten lassen:

“Im internationalen Vergleich ließe sch zugespitzt sagen: Wahrend sich die US-Amerikanerinnen auf die Karriere konzentrierten, die Französinnen auf die Geschlechtsidentität, die Skandinavierinnen auf die Gerechtigkeit bei der Verteilung der Familienrollen, verlegte sich der deutsche Feminismus vor allem auf den Kampf gegen sexuelle Gewalt.”

Es ist ein interessante, aufschlussreiches Buch, das Erinnerungen an die 50iger 60iger Jahren wachruft, die fehlende sexuelle Aufklärung, die Tabuisierung von Sexualität überhaupt, auch wenn man nicht zu dem betroffenen Personenkreis gehört.
Das Buch weist ein reichhaltiges Quellen- und Literaturverzeichnis auf für diejenigen, die sich in einzelne angesprochene Aspekte vertiefen wollen. Es ist ein wichtiges, ein notweniges Buch.

Miriam Gebhardt, Wir Kinder der Gewalt. wie Frauen und Familien bis heute unter den Folge der Massenvergewaltigungen bei Kriegsende leiden. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019, 301 S., ISBN 978-3-421-04731-1

Datum: 5. Mai 2019
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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Ein Kommentar

  1. 19. Woche – Geschichten und Meer | Samstag, 11. Mai 2019 5:01
    1

    […] Lisa stellt ein Buch vor. Herr Ackerbau sieht einen […]

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