Blaue Hortensie


So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

(Rainer Maria Rilke)

Datum: 6. Juni 2019
Themengebiet: Fotos, Gedichte Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

5 Kommentare

  1. Sonja | Donnerstag, 6. Juni 2019 9:20
    1

    alte blaue Briefpapiere – Kinderschürze-
    so anmutende Worte …

  2. mona lisa | Freitag, 7. Juni 2019 6:23
    2

    Mit Kinderschürzen bin ich auch noch aufgewachsen ;)
    Blumige Grüße u. herzlichen Dank für deine Zargenkarte.

  3. Quer | Donnerstag, 6. Juni 2019 9:28
    3

    Wer könnte denn besser Pate stehen zu diesen feinen Hortensien-Fotos, wenn nicht Rilke mit seinem wunderbaren Poem!
    Lieben Gruss,
    Brigitte

  4. mona lisa | Freitag, 7. Juni 2019 6:25
    4

    Ja, es musste einfach (noch einmal) sein, beim Anblick dieser Hortensien im Urlaub ist mir wieder Rilkes Gedicht eingefallen.
    Auch dir blumige Morgengrüße aus dem noch recht frischen Speckhorn.

  5. sylvia | Freitag, 7. Juni 2019 8:42
    5

    aufatmen. eintauchen. die nase ins kinderschürzenblau senken -ahhh. und sich von den blüten kitzeln lassen. wun-der-schön!
    lieber gruß
    Sylvia

Kommentar abgeben