Rainer Erlinger, Warum die Wahrheit sagen?


Die Frage „Warum die Wahrheit sagen?“ setzt voraus, dass es so etwas wie Wahrheit gibt. Aber gibt es die überhaupt? Und wenn ja, was ist darunter zu verstehen?

Diesen nicht einfach zu beantwortenden Fragen geht Rainer Erlinger, Mediziner, Jurist und Publizist, in seinem Buch anhand literarischer, philosophischer Texte nach und begegnet weiteren Begriffen wie „Wahrhaftigkeit“, „Ehrlichkeit“ und „Aufrichtigkeit“. Bei dem Versuch, diese Begriffe voneinander abzugrenzen, „kommt man ins Schleudern. Es gibt keine allgemeingültigen Definitionen, schon gar nicht in unterschiedlichen Fachgebieten und über die Zeit hinweg.“

Weshalb vermittelt man dann Kindern dennoch immer noch:
„Du sollst nicht lügen.“
„Lügen haben kurze Beine.“
„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“

Erlinger sieht in diesen Aufforderungen „keine echte Moral, sondern lediglich die Angst vor Strafe. Und mehr noch: Das Argument wirkt eigentlich nur gegen schlechte Lügen – es zieht nur, wenn die Lüge auffliegt.“

Warum macht es dennoch Sinn, die Wahrheit zu sagen, nicht zu lügen? Weil Lügen „Vertrauensverlust, die Störung, wenn nicht gar Zerstörung der Kommunikation und die Manipulation“ zur Folge haben:
„Die Lüge enttäuscht nicht nur das Vertrauen, das man in den Lügner hatte, sondern beschädigt auch das Vertrauen in die Kommunikation als Fundament des Zusammenlebens. Man fällt, in den Worten Hannah Arendts, ‚ins Bodenlose'“

Erlinger geht zudem auf die aktuellen politischen Tendenzen ein, die mit alternativen Fakten, mit fake news arbeiten, auf Trump, der sich nicht mit den Fragen von Wahrheit oder Unwahrheit befasst, sondern:
„Es fehlt ihm im Grunde ein Kriterium, das die Lüge und damit den Lügner kennzeichnet: die Absicht, etwas Falsches zu sagen, die unwahre Tatsache, mit der er das Gegenüber täuschen will. Er sagt etwas, ohne zu wissen, ob es stimmt oder nicht. Das einzige Kriterium, nach dem er das auswählt, was er sagt, ist salopp ausgedrückt, ob es ihm gerade in den Kram passt.“
Ist Trump also kein Lügner (im herkömmlichen Sinne)?

Erlinger schließt mit einem längeren Zitat Hannah Arendts, die die politischen Auswirkungen der Verachtung für Tatsachen so formuliert:
„Bevor die Massenführer die Macht in die Hände bekommen, die Wirklichkeit ihren Lügen anzugleichen, zeichnet sich ihre Propaganda durch bemerkenswerte Verachtung für Tatsachen überhaupt aus. In dieser Verachtung drückt sich bereits die Überzeugung aus, dass Tatsachen nur von dem abhängen, der die Macht hatte, sie zu etablieren.“

Sein Fazit lautet daher: „Wir müssen die Wahrheit verteidigen und auf ihr bestehen.“

Rainer Erlinger, Warum die Wahrheit sagen?, Dudenverlag, Berlin 2019, 143 S., ISBN 978-3-411-91271-1

Datum: 3. Juni 2019
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Ein Kommentar

  1. 23. / 24. Woche – Geschichten und Meer | Samstag, 15. Juni 2019 5:00
    1

    […] Lisa hat ein Buch gelesen, das zum Thema des Wochenendes […]

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