Vivian Gornick, Ich und meine Mutter

“Warum gehst du nicht? Warum lässt du mich nicht allein mit meinem Leben? Ich halte dich nicht zurück.”
Ich sehe das Licht, ich höre die Straße. Ich bin halb drinnen und halb draußen.
“Das weiß ich, Ma.”

Mit diesen Sätzen endet der Roman, der im Original den Titel “FIERCE ATTACHMENT” trägt und bereits 1987 in New York erschienen ist. Diese Sätzen sind bezeichnend für das Verhältnis von Mutter und Tochter, die nicht ohne, aber auch nicht wirklich miteinander können, da die Vorstellungen vom Leben, vor allem von Liebe und Ehe, von dem, was eine Frau aus sich machen muss, unterschiedlicher nicht sein können.

Aus der Perspektive der Tochter hat die Mutter die meiste Zeit ihres Lebens auf der Coach verbracht und auch nach dem Tod ihres Mannes nichts aus sich gemacht. Eine starke Entfremdung entsteht, als die Tochter beginnt zu studieren.

“Sie hatte nicht verstanden, dass das Studium dazu führen würde, dass ich anfing zu denken: zusammenhängend und durchaus vernehmlich. Es war eine erschütternde Überraschung für sie. … “Was redest du da?”, schrie sie mich an. “Was redest du? Sprich gefälligst Englisch. Wir verstehen alle Englisch in diesem Haus. Also sprich es!”

Dieses Haus ist ein Miethaus in der Bronx mit zwanzig, sehr kleinen, sehr hellhörigen Wohnungen. Jeder bekam von jedem nahezu alles mit. Für die Ich-Erzählerin war es “ein Haus voller Frauen. An die Männer habe ich kaum eine Erinnerung. Sie waren überall, klar – Ehemänner, Väter, Brüder-, trotzdem sehe ich nur die Frauen vor mir. Und in meiner Erinnerung waren sie entweder grob wie Mrs Drucker oder hitzig wie meine Mutter.”

Nach einer längeren Zeit der inneren und äußeren Distanz zwischen Mutter und Tochter gehen sie viel gemeinsam spazieren. Auf diesen Spaziergängen lassen beide u.a. ihre Erinnerungen an diese Zeit in der Bronx Revue passieren. Und so entstehen miteinander verwobene Lebensläufe, die zeitweilig wenig Berührungspunkte gehabt haben. Meist geht es in ihren Gesprächen hoch her, denn keine nimmt ein Blatt vor den Mund.

“Was zum Teufel sagst du da?” schreie ich sie an.”Was redest du? Liebe? Schon wieder Liebe? Werde ich denn bis zu meinem Tod nie etwas anderes von dir hören? Bedeutet dir mein Leben nichts? Gar nichts?”
Sie steht starr vor Schreck vor dem Becken, den Blick auf mich gerichtet, mit weißen Lippen, als wäre alles Blut aus ihrem Gesicht gewichen. Möglich, dass sie jeden Augenblick einen Herzanfall bekommt, aber ich kann nicht aufhören.

Ihr Gesicht verhärtet sich. Sie rafft sich zu ihrer alten, erinnerten Unbeugsamkeit auf. “So”, antwortet sich auf Jiddisch, der Sprache von Ironie und Missachtung, “dann kannst du auf meinen Grabstein schreiben: Von Anfang an ein Auslaufmodell.”

Der Roman ist ein für die Entstehungszeit typischer Roman über das zunächst individuelle Verhältnis zwischen dieser Mutter und dieser Tochter, gleichzeitig repräsentieren diese beiden dann aber auch ihre Zeit in sehr spezifischer Ausprägung. Vater und Mutter sind Juden, offenbar säkularisiert, denn von religiösen Bräuchen und Riten erfährt man nichts. Dennoch blitzen immer wieder Vorstellungen auf, etwa wenn die Tochter mit einem Nichtjuden, einem Goj, befreundet ist.

Es ist auch ein emanzipatorischer Roman, der den schwierigen Weg einer Frau in die Selbstständigkeit aufzeigt, ohne Vorbilder in der näheren Umgebung, letztendlich auch ohne Unterstützung, welcher Art auch immer. Und die alten Vorbilder, repräsentiert durch die Mutter und die meisten Frauen im Haus werden als “Auslaufmodelle” beiseite geschoben. Die Frage, wer bin ich, wer bin ich als Frau stellt sie sich immer wieder, weiß aber auch wie sie vor der Suche nach einer Antwort flüchten kann.

Vivian Gornick, Ich und meine Mutter, Roman, Penguin Verlag, München 2019, 222 S., ISBN 978-3-328-60030-5

Datum: 21. Juni 2019
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2 Kommentare

  1. Sonja | Donnerstag, 20. Juni 2019 9:53
    1

    Vor kurzem gelesen, teilweise sehr darin versunken, jeden Abstand verloren; ich kannte wohl so einiges aus eigenem Erleben. Manche Stellen haben geschockt…Unsere Mütter waren wohl teilweise solche “Auslaufmodelle”. Nachträglich kann ich vieles anders sehen.
    Danke für die feine Besprechung!

  2. mona lisa | Donnerstag, 20. Juni 2019 13:06
    2

    Mir kam auch so einiges bekannt vor,
    vor allem die Abwertungen von Frauen.
    Es Werden ja heute noch Handlungen von Frauen anders bewertet als bei Männern.
    Merci für deine Rückmeldung.

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