Lukas Bärfuss, Hagard

“Seit viel zu langer Zeit versuche ich, Philips Geschichte zu verstehen. Ich will das Geheimnis lüften, das in ihr verborgen ist. Ein ums andere Mal bin ich gescheitert und konnte das Rätsel jener Bilder nicht entschlüsseln, die mich heimsuchen, Bilder der Grausamkeit und der Komik, wie in jeder Erzählung, in der das Begehren auf den Tod trifft.
Ich weiß alles, und ich begreife nichts.”

So beginnt der Roman von Lukas Bärfuss, dem diesjährigen Preisträger des Georg-Büchner-Preises, der ihm am 2. November in Darmstadt verliehen wird. Es könnte der Beginn eines Krimis sein. Könnte, ist es aber nicht. Mit der Auflösung des “Falls”, einem Ergebnis also am Ende des Romans wartet der Roman auch nicht auf.

Philips Geschichte wird von einem allwissenden Ich-Erzähler geschildert, der der Person Philips merkwürdig nahe ist. Manchmal beschleicht einen sogar die Vermutung, dass der Ich-Erzähler und Philip identisch sind. “Wie oft waren wir schon hier, Philip und ich, saßen in diesem Wagen und schlugen uns die Nacht vom elften auf den zwölften März um die Ohren?“ Der Ich-Erzähler kennt die Abfolge der Ereignisse bis ins Detail, kennt den Tag, den Ort, den Zeitpunkt des Geschehen bzw. seinen Anfang, sein Ende:
“Auch die Ereignisse, die dazwischen liegen, sind geklärt … all dies liegt offen zu Tage. Die Umstände aber, die Bedingungen, die jene Ereignisse ermöglicht haben bleiben verborgen.”

Und was nun ist passiert? Philip wartet mit seinem “klugen Telefon” als Gefährten am 11. März um Viertel nach vier in einem Café auf einen Kunden, als die “Drehtür aus dem Warenhaus … auch ein Paar pflaumenblaue Ballerinas, zwei scheue Wiesel, verloren im Getrampel, in einer Stampede aus Halbschuhen und schweren Stiefeln schaufelt. Mehr sah er nicht, die Frau, die sich einen Weg durch die Menge suchte, bliebt unsichtbar.”

Philip meint, in einer ihrer Gesten eine Aufforderung zu lesen, ihr zu folgen. Und er folgt ihr, zunächst zu Fuß, per Bahn – ohne gültiges Ticket – bis zu ihrer Wohnung außerhalb der Stadt. Er wartet die ganze Nacht dort, lässt seine Termine und Verabredungen sausen, beobachtet das Haus und – ein wenig ängstlich – sein Handy, weil der Akkustand inzwischen sehr niedrig ist, sein Ladekabel, sein Portemonnaie etc. aber unerreichbar im Wagen liegen. Dennoch will er seinen Beobachtungsposten nicht verlassen. Am nächsten Morgen folgt er ihr erneut, verliert beim Verlassen der Bahn, einen Schuh und folgt ihr ab da mit nur einem Schuh. Was eine Gedankenkasskade auslöst.

Der Roman zeigt, wie Philip zunehmend aus der Zeit, aus seiner Routine, seinem Leben fällt, sich im Aussehen einem Obdachlosen annähert, über die er bisher eher abfällig gedacht hat.

Arm an äußerer Handlung gelangt man in den Kopf des Protagonisten und ist mit seinen Gedanken, Spekulationen über sich, die Frau, ihr Leben, mit den Spekulationen des Ich-Erzählers über Philip konfrontiert, der dann immer wieder resigniert: “Ich gab auf und ließ ihn ziehen.” Eine große Anzahl der Sätze sind Fragen. Seitenlang Fragen, Fragen, Fragen, gespickt mit dem Wort “vielleicht”, oft mit dem entsprechenden Konjunktiv, wenn’s um seine Träume, Hoffnungen geht.

Der Autor schafft es, den Leser in die Geschichte hineinzuziehen. Man ertappt sich dabei, wie man – ähnlich dem Lesen eines Krimis – wissen will, wie es weiter geht. Man ist konfrontiert mit seinen eigen, sich nahezu automatisch einsetzenden Wertungen und dem Suchen nach Antworten, was nun genau Philip dazu bewogen hat, der Frau zu folgen, und das mit all den Konsequenzen, die sein Verhalten für ihn hat. Aus dem anfänglichen Spaß oder Spiel, jemandem zu folgen und zu sehen, wohin er geht, wird ein kaum nachvollziehbarer Ernst. Etwas, das einem mit dem Erzähler verbindet, der am Ende des Romans konstatiert: “Dies ist das Ende, und hier will ich beginnen.” Ein ungewöhnlicher, sehr spezieller, aber lesenswerter Roman.

Lukas Bärfuss, HAGARD, btb Verlag, München 2019, 173 S., ISBN 978-3-442-71669-2

Datum: 15. August 2019
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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