Helga Flatland, Eine moderne Familie

Der Roman der Norwegerin Helga Flatland – 2017 ausgezeichnet mit dem Preis der norwegischen Buchhändler und gerade auf Deutsch erschienen – beginnt mit einem gemeinsamen Flug über die Alpen nach Italien. In der Familien-Hütte in Italien soll mit allen der 70. Geburtstag Sverres, gefeiert werden. Alle, das sind: Papa, Mama, und ihre drei erwachsenen Kinder, Liv, Ellen und Håkon, z.T. mit Partnern, und die Enkelkinder Agnar und Hedda. Alles scheint wie immer:

“Mein Blick geht zu Papa, er sitzt am Tischende, und mir wird schlagartig bewußt, daß wir uns genauso hingesetzt haben wie bei Mama und Papa zu Hause. Papa sitzt am Kopf, Mama links von ihm, ich neben ihr – und Håkon ihr gegenüber, daneben Ellen. Wer später dazugestoßen ist, Lebenspartner, Olaf, Agnar und Hedda, hat sich unserer Sitzordnung anpassen müssen, ich glaube nicht, dass wir darüber nachgedacht haben. Der einzige, der einen stillen Aufstand geprobt hat, ist Simen – die paar Mal, die er bei Familientreffen anwesend war, plumpste er auf den Stuhl neben Ellen, eigentlich Håkons Platz, legte den Arm auf ihre Stuhllehne und klammerte sich demonstrativ fest, bis sich alle anderen gesetzt hatten.”

Liv, die älteste Tochter, ist als Einzige der drei Geschwister, verheiratet und hat mit ihrem Mann Olaf zwei Kinder. Ellen versucht von Simen schwanger zu werden. Håkon liebt freie, offene Beziehungen, hat wechselnde Partnerinnen, die aber meist keiner kennt. Er spricht nicht wirklich darüber, so dass sich einige Familienmitglieder ernsthaft Gedanken darüber machen, ob Håkon vielleicht schwul ist.

Liv und Ellen allerdings merken, dass etwas Unerklärliches “in der Luft liegt”, was dann konkreter wird, als ihre Mutter sich weigert, eine Rede zum Geburtstag ihres Mannes zu halten, sie, die die sonst immer Reden hält zu allen Geburtstagen, jedes Jahr.

Ellen geht sie an: ” ‘Du rückst jetzt besser mal damit raus, was los ist, anstatt die ganze Zeit so scheißdeutliche Anspielungen zu machen.’ … Mama setzt mehrmals an. Schließlich dreht sie sich zu Papa um. ‘Möchtest du dazu vielleicht etwas sagen, Sverre?’, fragt sie. …
‘Wir haben beschlossen, uns scheiden zu lassen’, sagt er.”

Der Satz schlägt ein wie eine Granate. Allen verschlägt es die Sprache, daran können auch die Erklärungsversuche der Eltern nichts änder. Denn damit hat nun keiner gerechnet, bis Ellen plötzlich loslacht:

“Auseinandergelebt? Zukunft? Mal im Ernst, ihr seid siebzig!”

Und auf einmal ist nichts mehr wie es war.

Der Roman erzählt abwechselnd aus den Perspektiven der drei Kinder, welche Auswirkungen die Entscheidung der Eltern jeweils für sie haben und wie unterschiedlich sie damit umgehen. Teilweise stehen die eigenen Vorstellungen über Ehe, Partnerschaft auf dem Prüfstand, Positionen müssen scheinbar verteidigt werden. Die sonst üblichen, über Jahrzehnte eingeübten Gesprächs- und Umgangsformen tragen nicht mehr.

Ergebnis ist ein spannender und unterhaltsamer Roman, der die Untiefen dieser Familie aufdeckt, die vorher zum Teil nicht wahrgenommen worden sind, über Geschwisterliebe reflektiert und die unterschiedlichen Positionen, die Liv, Ellen und Håkon zu den Eltern früher und jetzt nach ihrer Entscheidung einnehmen.
So erleben Liv, Ellen und Håkon ihre Eltern und ihr Verhalten während und nach der Trennung sehr verschieden und entsprechend unterschiedlich positionieren sie sich auch. Allen gemeinsam ist allerdings, dass sie zum Teil eine sehr kindliche Perspektive einnehmen, obschon alle erwachsen sind, in interessanten Berufen arbeiten und ein eigenes, ausgefülltes Leben leben.
Offensichtlich bedeutet das Ende der Ehe ihrer Eltern auch der endgültige Abschied von der Kindheit. Lesenswert! Kein Wunder, dass der Roman in mehrere Sprachen übersetzt wird. Die deutsche Übersetzung ist gerade erschienen.

Helga Flatland, Eine moderne Familie, a.d. Norwegischen übersetzt v. Elke Ranzinger, Weidle Verlag, Bonn 2019, 307 S., ISBN 978-3-938803-93-6

Datum: 2. September 2019
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4 Kommentare

  1. Sonja | Montag, 2. September 2019 11:52
    1

    Das interessiert mich mal wieder!
    Immer diese schönen Besprechungen…Danke.
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Montag, 2. September 2019 13:30
    2

    Immer wieder gern.
    Mir hat der Roman wirklich gut gefallen, vor allem die unterschiedlichen Wahrnehmungen und damit auch Wahrheiten der “Kinder”, die alle ihr “Bild” von ihren Eltern überprüfen “durften”. Echt spannend!

  3. Stefan Weidle | Dienstag, 3. September 2019 11:41
    3

    Beim Namen der Übersetzerin hat sich ein Fehler eingeschlichen: Richtig heißt sie Ranzinger.
    Schöne Rezension!!!

  4. mona lisa | Dienstag, 3. September 2019 16:06
    4

    Danke fürs Lob, der Roman hat mir wirklich gut gefallen.
    Der Fehler ist schon korrigiert!

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