Sissel Gran, Ich verlasse dich, weil ich leben will

“Was passiert … , wenn das Band, das zwei Menschen verbindet, mehr und mehr zerfasert? Wenn eine Seite sich vor Einsamkeit krank fühlt, traurig und leer, resigniert und fast ohne Hoffnung ist?”

“Ich habe mir die Aufgabe gestellt, die Ausbrechenden in Ruhe zu Wort kommen zu lassen. Das bedeutet, ihrem Empfindungen Glauben zu schenken und zu versuchen, sie aus ihrem Inneren heraus und unabhängig von der Situation der verlassenen Personen zu verstehen. “

Sissel Gran ist langjährige Psychologin und erfahrene Paartherapeutin in Norwegen. Sie hat erlebt, dass diejenigen, die aus einer Beziehung ausbrechen, warum auch immer, meist diejenigen sind, die mit Unverständnis, Verurteilungen etc. konfrontiert sind, weil die Sympathien der Umgebung meist bei den Verlassenen, den (vermeintlichen) Opfern sind.

Ihrer Meinung nach, wird den Verlassenden und ihren Problemen und Themen sowohl in der Fachliteratur als auch in der alltagspsychologischen Literatur zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Dass auch “Ausbrechende” mit Trauer und Verlustgefühlen zu tun haben, wird ihnen oft nicht zugestanden, sie werden als “kalt und unsensibel” betrachtet, abgestempelt.

Ihrer Meinung nach ist es immer schmerzhaft, Abschied zu nehmen. Sie bezeichnet die Zeit nach einer Trennung als “stille Trauer … Es handelt sich um eine Verlustsituation ohne Ritual, ohne Blumen und Grabstätte.”

Sie gibt in diesem – auch für interessierte Laien – gut lesbaren Buch den Ausbrechenden eine Stimme, indem sie sie die Geschichte ihrer Beziehung erzählen lässt, von den Anfängen über die Wendepunkte und das vollzogene Ende.

Sie arbeitet dabei systematisch negative Grundmuster in Beziehungen aus, verdeutlicht die diversen Knack- und Wendepunkte, geht auf Beziehungstraumata und die langen, inneren Abschiede ein und auf das Ausweichen, das letztlich den stillen Tod einer Beziehung zur Folge hat.

Sie vernachlässigt auch Folgen für die Kinder dieser zerbrechenden Beziehungen nicht, weist darauf hin, dass “der Abdruck eines Paares ewig bleibt” und versucht zu verdeutlichen, welche Herausforderung es bedeutet, sich auch nach einer Trennung auf einen meist sehr schwierigen Prozess der Versöhnung einzulassen, der das verletzte Ich beider Partner heilen und zu einem wieder freundlichen, freundschaftlichen Kontakt führen könnte.

Es ist ein Buch, das “Ausbrechern” unterstützen könnte, Verständnis und Klarheit für die eigene Situation zu finden, und sicher auch hilfreich ist für die Umgebung eines Paares, um allzu schnelle Vorverurteilungen zu vermeiden. Wenn man es “richtig” liest, ist es allerdings auch eine warmherzige “Anleitung” für Beziehungen, in der jeder Partner darauf achten sollte, den anderen zu sehen, zu (be-) achten, Verständnis für ihn zu haben und vor allem: da zu sein.

In einem ausführlichen Anhang finden interessierte LeserInnen des weiteren Hinweise zu weiterführender Fachliteratur und Sachbüchern sowie zu Belletristik, Lyrik, Musik und Filmen.

Sissel Gran, Ich verlasse dich, weil ich leben will, Herder Verlag, Freiburg i.Breisgau 2019, 335 S., ISBN 978-3-451-60070-8

Datum: 16. September 2019
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

2 Kommentare

  1. Quer | Montag, 16. September 2019 5:54
    1

    Interessante Lektüre – vor allem aus diesem Blickfeld.
    Herzlichen Gruss zum Wochenbeginn,
    Brigitte

  2. mona lisa | Montag, 16. September 2019 8:57
    2

    Ja, manchmal macht’s einfach die Perspektive – wie in fast allen Bereichen des Lebens ;)
    Dir einen guten Start in die neue Woche.

Kommentar abgeben