Steffen Kopetzky, Propaganda

Leutnant John Glueck, geboren 1921 in New York als Kind deutscher Auswanderer, ist Angehöriger der Armee der Vereinigten Staaten von Amerika, Department for Psychological Warfare, kurz Sykewar genannt. “Alle anderen nannten uns Propaganda.

Er ist der Protagonist eines faszinierenden, geschickt konstruierten und gut erzählten Romans, der in Amerika der dreißiger Jahre beginnt. Glueck ist der Literatur seiner Vorfahren sehr verbunden, belesen und will schreiben. Er besucht einen Kurs für kreatives Schreiben, wo er unter anderen die später bekannten Schriftsteller J.D. Salinger und Charles Bukowski trifft und mit ihnen eine kurze, intensive Freundschaft lebt.

In der Propagandaabteilung der US Army schreibt er dann später Propagandaartikel als Teil der psychologischen Kriegsführung gegen die Deutschen und soll darüberhinaus eine Reportage über Ernest Hemingway schreiben. Dazu muss er nach Frankreich und schafft es, das Vertrauen Hemingways zu gewinnen, eines damals schon massigen, ständig saufenden und raufenden Mannes, dem es wichtig ist stets genug Hochprozentiges, Waffen und Essen um sich zu haben. Offenbar seine Mittel gegen Depression und eine ständige, innere Niedergeschlagenheit.

Von Frankreich aus gelangt Glueck dann in den Hürtgenwald bei Aachen, in ein für die Amerikaner völlig unbedeutendes, von den Deutschen aber eisern und mit allen Mitteln verteidigtes Gebiet. Dort erfährt Glueck, der bisher eher vom Schreibtisch aus mit “spitzer Feder” am Krieg teilgenommen hat, die brutalen Härten eines solchen Krieges, für den die US Soldaten nicht einmal materialmäßig ausgerüstet, vor allem aber logistisch völlig unvorbereitet sind. Dort erkennt er, welchen strategischen Unterschied es macht, ob und wie die befehlenden Generäle mit ihren Truppen kommunizieren oder nicht. Er sieht auch dort den im Amerika der damaligen Zeit herrschenden Rassismus und die Auswirkungen von Arroganz und Macht.

Die “Allerseelenschlacht” mit über 15.000 Toten war für die Amerikaner eine völlig neue Erfahrung.

John Glueck schreibt diese seine Erfahrungen 1971 im Gefängnis auf, in dem er einsitzt, weil er – wie sich später herausstellt – absichtlich zu schnell gefahren ist und den ihn anhaltenden Polizisten seine Waffe gezeigt hat. Er hat seine Festnahme provoziert, um sein Leben zu schützen. Denn er ist dabei, über seine Kriegs-Erfahrungen, nicht nur im Zweiten Weltkrieg sondern auch in Vietnam zu schreiben und kritische Fragen zu stellen:

“Wie konnten so respektable Menschen – und damit wir alle – es zulassen, dass Tausende Dörfer unschuldiger Bauernfamilien niedergebrannt wurden und auch noch jetzt, in diesem Augenblick, in Flammen stehen? Dass unsere agrochemische Industrie Hunderte Millionen Dollar an der Entlaubung des Dschungels verdient, an diesem verbrecherischen Krieg gegen die Ökologie des Mekongdeltas? Dass unsere Geheimdienste zu einem Heer von Folterknechten geworden sind? … Dass wir es sind, die freiheitsliebenden, demokratischen Amerikaner, die ein paar Millionen Tonnen Bomben und viele Millionen Artilleriegranaten auf die Menschen von Vietnam abgeworfen haben, jetzt schon mehr als im gesamten Zweiten Weltkrieg?”

Diese Fragen wären für ihn lebensgefährlich, wenn er sie nicht in seinem Schlussplädoyer am Ende der Gerichtsverhandlung stellen würde. Geschickt hat er es geschafft, dieses Schlussplädoyer als Bühne zu nutzen, seine Wahrheit über das Zynische und Verlogene der Politik darzulegen:

“Das wahre Ziel war, uns alle in einer Art von Dauerkrieg zu halten. Der war so wertvoll für das Weiße Haus und das Pentagon. Krieg stärkt immer die Regierung und schwächt das Parlament, die Justiz und auch die vierte Gewalt, die Medien.”

Es ist ein unglaublich facettenreicher, geschickt die Spannung aufrecht haltender Roman, mit vielen literarischen Anspielungen. Ein Roman gegen Kriege überhaupt, der dabei die Brutalität des Krieges allerdings auch in aller Breite, Tiefe und Dauer, mit der entsprechenden Entwürdigung und Entmenschlichung schildert. Das macht den Roman zu einer schwer verdaulichen Kost.

Steffen Kopetzky, Propaganda, Rowohlt Verlag, Berlin 2019, 495 S., ISBN 978-3-7371-0064-9

Datum: 6. November 2019
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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