Tine Høeg, Neue Reisende

“Neue Reisende” ist Tine Høegs erster Roman. Er umfasst einen Zeitraum von ca. 5 Monaten – von August bis Dezember – und schildert die Affäre zwischen der Ich-Erzählerin, einer gerade in den Schuldienst eingetretenen Lehrerin, und einem älteren, verheirateten Mann, einem Grafiker in einem Reisebüro, die sich in einem Zug begegnen, da beide Pendler sind:

“du kannst mir nicht schreiben
ich schreibe dir”

Dieser dem Roman vorangestellte Satz umfasst eigentlich schon alles. Sie können sich offiziell nicht treffen. Die meisten Begegnungen finden im Zug statt. Das ist ihre Zeit.

das erste Mal, dass ich dich nackt sehe:

Zugtoilette

irgendwo zwischen Kopenhagen und Næstved

das ist für mich ganz neu

jemand so haben zu wollen

Es ist ein Roman weiblicher Leidenschaft, durchgängig aus der Ich-Perspektive in kurzen, stakkatohaften Sätzen erzählt, die sich auf das für die Protagonistin Wesentliche konzentrieren:

das dritte Mal als ich dich nackt sehe

reißt mit ein Stacheldrahtzaun
meine Stirn auf

als wir uns in einen Schuppen
für Gartenabfälle hineinzwängen

dann regnet es

Sperma Blut Sommerregen

Parallel zu ihren diversen “nackten” Begegnungen – sie zählt diese akribisch – begleitet man sie bei ihrem schwierigen Start in ihr Berufsleben als Lehrerin, in dem sie ihre Rolle erst noch finden muss:

hier ist kein Zutritt für Schüler

der Hausmeister steht in der Tür zum Kopierraum

ich bin Lehrerin sage ich
und zeige ihm meine Chipkarte

er schaut lange drauf

vergiss nicht hinterher aufzuräumen sagt er

An den Elternabende, den sie mit STAR, einem älteren Kollegen durchführt, ergeht es ihr nicht sehr viel anders:

wenn die Eltern Fragen stellen
blicken sie nur auf STAR

Dann und wann entflieht sie ihrer, für sie herausfordernden Realität mehr oder weniger orientierungslos in ihre Träume, in dem sie mit ihrem Freund und dessen Tochter in eine kleine Wohnung zusammenzieht, oder sie betrinkt sich:

meine Schwester sagt
ich rauche und trinke zu viel

ich sage das gleicht sich damit aus
dass ich lese

wenn ich nicht an dich denken darf
wenn ich dann das Glück denke

denke ich an kalten Wodka
der mich durchfließt

Wohlmeinende Kollegen wünschen ihr erholsame Weihnachtsferien, in denen sie ihre Batterien aufladen soll, um wieder zu Kräften zu kommen. Eher müsste man ihr wünschen, dass sie einen ihr gemäßeren Weg finden kann, der nicht derart kräftezehrend ist, als es letztendlich die Begegnungen mit ihrem Lover sind.

Der Roman endet mit einem Gespräch der Ich-Erzählerin mit ihrem Geliebten auf einem Friedhof mit einem See, an dessen Ufer eine Bank steht
auf der man im Sommer sitzen kann

Das Ende bleibt offen.

Tine Hœeg, Neue Reisende, Roman, a.d. Dänischen v. Gerd Weinreich, Literaturverlag Droschl, Graz-Wien 2020, 200 S., ISBN 978-3-99059-046-1


Datum: 9. Februar 2020
Themengebiet: Allgemein, Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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2 Kommentare

  1. Sonja | Montag, 10. Februar 2020 10:37
    1

    Obwohl einmal von Blut die Rede ist, hört es sich für mich nach einem blutleeren Buch an. Ich müsste es wohl lesen, um das “in echt” zu beurteilen…
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Montag, 10. Februar 2020 12:21
    2

    Tja, das entscheidest du ganz allein ;)
    Liebe Grüße

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