Ein rostiger Nagel

Ein Nagel saß in einem Stück Holz.
Der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube
Und war eine Messingschraube.

Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
Sowohl in der Liebe, als auch überhaupt.
Sie liebte ein Häkchen und traf sich mit ihm
In einem Astloch. Sie wurden intim.

Kurz, eines Tages entfernten sie sich
Und ließen den armen Nagel im Stich.
Der arme Nagel bog sich vor Schmerz.
Noch niemals hatte sein eisernes Herz
So bittere Leiden gekostet.

Bald war er beinah verrostet.
Da aber kehrte sein früheres Glück,
Die alte Schraube, wieder zurück.
Sie glänzte übers ganze Gesicht.
Ja, alte Liebe, die rostet nicht! 

(Joachim Ringelnatz)

Datum: 7. April 2020
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4 Kommentare

  1. sylvia | Dienstag, 7. April 2020 16:12
    1

    oweh der arme! herzzerreissend. ich hättse nicht wieder genommen!
    lieber gruß
    Sylvia

  2. mona lisa | Dienstag, 7. April 2020 18:54
    2

    Bin nie in einer solchen Situation gewesen ;)

  3. Quer | Mittwoch, 8. April 2020 5:18
    3

    Hi, hi: Die Ringelnatz-Gedichte und Balladen kann man immer wieder mit grossem Genuss lesen.
    Danke dafür! :–)
    Herzlich in den Morgen,
    Brigitte

  4. mona lisa | Mittwoch, 8. April 2020 6:29
    4

    Sie sind mindestens einen Schmunzler wert ;)
    Liebe Grüße

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