Margrit Sprecher, Irrland

“Irrland” von Margrit Sprecher enthält 20 gut geschriebene beeindruckende, eindringliche Reportagen, die leicht zu lesen, meist aber nur schwer zu “verdauen” sind. Ich habe sie nicht in einem “Rutsch” lesen können, zu sehr war ich von ihren Einblicken in für mich fremde Lebenswelten beeindruckt, nicht selten, nein ehrlicherweise nach jeder Reportage auch beeindruck bis bedrückt.
Wie kann so etwas sein? Wie kann so etwas passieren? Warum übernimmt keiner die Verantwortung? Wird keiner zur Rechenschaft gezogen? habe ich mich immer wieder beim Lesen der Reportagen gefragt, etwa nach der über irrtümlich zum Tode Verurteilen, die oft eine sehr lange Zeit in Amerikas Todestrakten auf ihre Hinrichtung gewartet haben.

Beim Lesen “Es muss immer Kaviar sein” – eine Reportage über das St. Moritzer Gourmet-Festival und seine Gäste – Gradmesser dafür, wo die Weltwirtschaft gerade boomt – “ist mir fast die Spucke” weggeblieben über das dort beschriebene Maß an Dekadenz:

“Als wahre Künstler verfügen die Maîtres nicht über das robuste Seelenkorsett ihrer St. Moritzer Kundschaft. Wie ein Schock trifft sie der Anblick eines Gastes, der nur die Kaviar-Garnitur ihrer Création wegkratzt und den Rest stehen lässt. … Oder sich den Teller füllen lässt, nur um ihn auf der nächsten Ablage stehen zu lassen.”

Die Klarheit und spürbare Empathie mit allem Menschlichen, die ihre Berichte vermitteln, sind das Geniale ihrer Reportagen, wodurch beim Lesen Eindringlichkeit und Tiefgang entstehen und dass, obwohl bzw. gerade weil sie sich jeglicher Bewertungen enthält. Sie beobachtet und beschreibt “nur”. Das Urteilen überlässt sie den Leser*innen, denen sie Einblicke in heutige Gesellschaften überall auf der Welt gewährt.

Ein auf jeden Fall lesenswertes, sprachlich sehr literarisches Buch, dem ich viele Leser*innen wünsche.

Margrit Sprecher, Irrland, Reportagen, Dörlemann Verlag, Zürich 2020, 270 S., ISBN 978-3-03820-076-5

Datum: 17. August 2020
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2 Kommentare

  1. Sonja | Montag, 17. August 2020 10:01
    1

    Ist sicher keine geeignete Lektüre fürs Nachtkästchen…oder man muss die Geschichte genau auswählen…das mit dem Todestrakt ginge für mich gar nicht…
    Aber es gibt da einen Sog…
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Montag, 17. August 2020 10:29
    2

    Nee, fürs Nachtkästchen ist es nichts. Ich habe sie auch nur in homöopathischen Dosen lesen können. Dennoch auf jeden Fall lesenswert, etwa die Reportage über den wirtschaftlichen Auf- und Abstieg Irlands. Man liest, weiß, dass es so ist(auf jeden Fall so sein kann) und glaubt dennoch, dass so etwas doch nicht möglich sei kann, darf.
    Liebe Grüße

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