Stefan Weigand, Wunder warten überall

Es ist ein wunderbares Buch über die einfachen, alltäglichen, sichtbaren Dinge, die man häufig gar nicht mehr wahrnimmt, weil sie so selbstverständlich da sind: das Morgenlicht, Brot, das Fahrrad.
Doch auch unsichtbare Begriffe erhalten Beachtung wie der “Feierabend” und die “Stille”.

Dazwischen immer wieder Tätigkeiten des Alltags, die in jeweils einem Kapitel die ungeteilte Aufmerksamkeit des Autors finden: Zeitungslesen, Nüsse knacken, Spazierengehen.

Die Kapitel zeigen in jeweils einem einfachen klar strukturierten Bild den Gegenstand, um den es in dem Kapitel geht, meist verbunden mit Erlebnissen aus dem Leben des Autors, ergänzt mit Reflexionen und oder Zitaten. Etwa das Kapitel “Tonschalen”. Sie befinden sich in seinem Haushalt und werden mit Ehrfurcht behandelt und benutzt:
Stefan Weigand erzählt, wie er mit seiner Familie einen Töpfer besucht hat, der sie bei seiner Arbeit hat zuschauen lassen:

“Ohne viel Reden legte der Meister einen Block Ton darauf. Sofort begann der Quader zu kreisen und ganz unruhig zu werden, als ob er sich aus dem Staub machen möchte. Durch einen einzigen sicheren Griff des Meisters kam Ruhe in die Sache. Und dann begann eben diese Zeitspanne, in der ich irgendwann ungeduldig wurde und dachte: Na, ob da noch etwas passieren wird? ‘Das braucht jetzt seine Zeit. Es geht nicht anders – erst, wenn eine Mitte da ist, kann ich weitermachen. Ein Werk ohne klare Mitte ist unmöglich.’ “

“Feierabend” und “Freitagsessen” – da werden beinahe schon in Vergessenheit geratene Begriffe in die Gegenwart zurückgeholt und neu “beleuchtet”. Insgesamt kommen zahlreiche alte, oft auch unbekannte Wörter wieder ans Licht: Feierabendziegel, Nestbarkeit, Eigenzeit.

Das Naheliegende wieder sichtbar zu machen, dazu bedarf es der Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen, in der man nichts schaffen, erledigen, besorgen muss. Spazierengehen ist da eine gute Gelegenheit:

“Spazierengehen macht das Naheliegende wieder sichtbar. Man könnte auch sagen: Wer mit nichts geht, kommt erfüllt wieder.”

Es ist ein Buch, das schon beim Blättern, Betrachten der Bilder, beim Lesen einzelner Kapitel zur Entschleunigung beitragen kann. Immer wieder ertappt man sich bei eigenen Gedanken, die Stefan Weigands Erlebnisse etc. in einem auslösen. Es entsteht ein wohltuendes Abschweifen, ein eigener Subtext zu dem gelesenen. Wunderbar. Ein Buch sehr geeignet zum Verschenken und zum Selberlesen.

Stefan Weigand, Wunder warten überall. Die Wiederentdeckung der einfachen Dinge, Kösel Verlag, München 2020, 139 S., ISBN 978-3-466-37257-7

Datum: 9. September 2020
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6 Kommentare

  1. Sonja | Donnerstag, 10. September 2020 8:42
    1

    Mal wieder richtig was für mich!
    Dankeschön für Nahebringung und liebe Grüße
    Sonja

  2. mona lisa | Donnerstag, 10. September 2020 9:43
    2

    Fein! Dieses Buch übt auch keinen Lesedruck aus ;)
    man muss es nicht hintereinander lesen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
    Es kann an markanten stellen liegen: auf dem Nachttisch, im WZ oder an anderen Örtlichkeiten, wo man seine Ruhe hat.
    Liebe Grüße

  3. sylvia | Donnerstag, 10. September 2020 14:59
    3

    ah das klingt ja großartig, genau das, was es jetzt braucht! danke für den tipp und die schöne besprechung!
    lieber gruß
    Sylvia

  4. mona lisa | Donnerstag, 10. September 2020 15:46
    4

    Gern, möge es dir so gut gefallen wie mir.
    Herzliche Grüße

  5. Quer | Freitag, 11. September 2020 7:21
    5

    Sehr schön. Auch ich lasse mich vom Cover und deiner Besprechung inspirieren.
    Dankeschön und lieben Gruss,
    Brigitte

  6. mona lisa | Freitag, 11. September 2020 7:59
    6

    Das freut mich – auch für das Buch und den Autor.
    Herzlich frische Morgengrüße.

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