Joyce Carol Oates, Unter Verdacht

Die Geschichte von Big Mouth & und Ugly Girl – so der Untertitel ist Oates erster Jugendroman. Ein aktueller, spannender, nachdenklich machender Roman über Matts , Schüler einer High School, der Stücke schreibt, Mitglied der Schülerredaktion ist, ein „loses Mundwerk“ hat, immer für einen „coolen Spruch“ gut ist, damit aber eher seine Sensibiltiät und Schlaksigkeit verdecken will, insgesamt also ein bei allen beliebter Schüler.

Der Roman beginnt damit, dass zwei Polizisten Matts von der Schule abholen, die ihm unterstellen, er wisse schon, weshalb er mitkommen solle. Doch das Gegenteil ist der Fall: “ Matts Gedanken überschlugen sich: Etwas war mit seiner Mutter passiert, oder mit seinem Bruder Alex … der Vater war geschäftlich unterwegs. Ob ihm etwas zugestoßen war? Ein Flugzeugabsturz …“. Der Leser bleibt lange im Unklaren darüber, was Matts nun eigentlich vorgeworfen wird: Jemand hat Matts gefragt, „was er denn nun machen würde, wenn sein Stück nicht fürs Festival genommen wird, und Matts hat geantwortet, : ‚Was soll ich schon machen? Die ganze Schule in die Luft jagen? Ein paar Leute massakrieren?‘ “ Aus der Situation heraus ist allen Umstehenden klar, dass die Antwort Matts eine seiner üblichen Bemerkungen, keinesfalls eine erst gemeinte und demnach erst zu nehmende Aussage ist.

Das, was sich daraus ergibt ist allerdings ernst zu nehmen. Ein Schuldirektor, der seiner Pflicht nachkommt und die Polizei alarmiert, dann aber in vielen Situationen die Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht mehr wahrt, öffentliche Medien, die mit vorschnellen Verurteilungen agieren, Mitschüler, die wissen, dass das, was man Matts vorwirft, haltlos ist, die sich aber nicht trauen, die Situation zu klären, weil sie eigene Nachteile für ihre weitere (schulische) Laufbahn befürchten, Eltern, die ihren Kindern verbieten, mit Matts weiteren Kontakt zu haben, ein Prediger, Gründer einer eigenen Kirche, der sich zum moralischen Gewissen wenn nicht der Nation, so aber zumindest der Stadt aufspielt, gleichzeitig aber nicht vor – moralisch zweifelhaften- Mitteln zurückschreckt, um seine eigenen Vorstellungen von Gut und Böse durchzusetzen.

Ein Abgrund menschlicher Verhaltensweise tut sich auf, in dem Matts zu versinken droht, wenn, ja wenn es nicht Ugly Girl gäbe, ein Mädchen seiner High School. Sie ist eine gute Basketballspielerin, sonst aber Außenseiterin – in jeder Hinsicht. Sie hat den Mut, die Wahrheit zu sagen, für sie einzutreten und sie sogar dem Direktor gegenüber vehement zu verteidigen – gegen jeden Widerstand. Die Dankbarkeit und Freundschaft Matts, der an der Schule inzwischen sehr isoliert ist, sich allerdings auch selbst isoliert, will sie zunächst nicht annehmen, im Gegenteil. Sie entzieht sich, bis sie dann doch ihre Sympathie für Matts entdeckt. Damit umzugehen, ist für beide zunächst nicht so einfach. Der Schluss stimmt versöhnlich. Beide haben gelernt, mit Schwierigkeiten umzugehen, so dass man ihnen zutraut, eine angemessene Freundschaft zu führen, jedenfalls wünscht man es ihnen.

Joyce Carol Oates, Unter Verdacht, München 2003, 285 S., ISBN 3-446-20302-8

Datum: 19. Oktober 2007
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2 Gedanken zu „Joyce Carol Oates, Unter Verdacht

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