Joyce Carol Oates, Du fehlst

Dieser Roman Carol Oates, gewidmet ihrer 2003 verstorbenen Mutter Carolina Oates, gehört für mich nicht zu ihren empfehlenswerten, totz der für mich interessanten Thematik. Ich habe bis zum Schluss nicht wirklich erfahren, inwiefern die Ich-Erzählerin ihre Mutter vermisst.
Gwen Eaton wird von ihrer Tochter Nikki, dem schwarzen Schaf der Familie, ermordet in ihrer Garage aufgefunden. Das komplette Haus ist durchwühlt, die Telefonleitungen sind aus der Wand herausgerissen. Kommissar Strabane übernimmt den offensichtlich einfach zu lösen “Fall”, denn der Täter kann kurz nach der Tat festgenommen werden.
Aber es ist kein Kriminalroman, sondern ein Roman über das Trauerjahr der beiden Töchter der Ermordeten, vor allem aber das Nikkis, die sich innerhalb dieses Jahres auf kaum nachvollziehbare Art vom Familienschreck zu einer nahezu braven Tochter Gwens wandelt, indem sie in Gwens Haus einzieht, ihre Sachen sichtet, ordnet, entrümpelt oder aufbewahrt. Sie backt Brot nach Rezepten ihrer Mutter, nimmt ihre in einem Kalender eingetragenen Termine bei Verwandten wahr und besucht den Schwimmkurs ihrer Mutter. Durch den Kontakt mit Menschen, die mit ihrer Mutter in anderen Lebenszusammenhängen zu tun hatten, lernt Nikki ihre Mutter besser kennen, entdeckt völlig unbekannte Seiten.
Soweit ist dieser Roman auch glaubwürdig – bis Nikki dann am Ende des Trauerjahres ein offensichtlich neues eigenes Leben beginnt, mit – wie kann es in amerikanischen Romanen anders sein – einem neuen Mann an ihrer Seite, der sich ein Jahr lang vergeblich um sie bemüht, ja von Nikki sogar abgelehnt worden ist. Dreimal dürft ihr raten, mit wem!!
Leider bleibt der Roman insgesamt viel zu sehr an der Oberfläche, wird der Schmerz, den Nickki beim Entdecken neuer Wahrheiten erlebt, nahezu vollständig ausgeblendet, so dass ihre Entwicklung nur an der Veränderung ihrer Gewohnheiten und Kontakte zu anderen Menschen ablesbar ist. Welchen Einfluss die Trauer um ihre Mutter auf sie selbst, ihre Arbeit, ihre Beziehungen hat, erfährt man nicht wirklich, da sie stets aus der Perspektive ihrer Mutter zu handeln scheint. Der Leser wird mit Familienverwandtschaftsgraden bis in Details hinein gelangweilt, innerlich stöhnend, weil man auf Interessanteres wartet. Personen werden in ihrem Äußeren, ihrer Bekleidung minutiös beschrieben, z.T. wiederholend und man fragt sich: Warum? Wenn sie dann in ihrem Aussehen oder sogar in ihren Gefühlen mit alten Autos oder Garagen verglichen werden, bekommt man Zweifel am Lektor (oder an der Übersetzerin). Schade, ein wichtiges Thema ist wenig gelungen bearbeitet worden.
Ganz misslungen ist dieser Roman sicher nicht, denn er enthält auch stille Momente, wo man sich der Ich-Erzählerin in ihrer Situation recht nahe fühlt. Auf diese Weise endet der Roman:” ‘Du wirst damit leben, Nikki. Ich helfe dir.’ …Ich wartete darauf, dass er mir gut zuredete, dass er mit mir debattierte. Ich wartete darauf, dass erd die Worte ausssprach, die wir einander in solchen Augenblicken sagen. Doch er bleib stumm. Er hielt meine Hand so, dass sich seine Finger durch meine schoben und sie festhielten. Und da verstand ich, dass dies das Zureden war, die Entgegnung meines Geliebten. Auf diese Weise endete das erste Jahr, in dem meine Mutter mir fehlte. ”
Wenn der Roman doch öfter diese Stille und das, was sich in ihr entwickeln kann, zum Reden hätte bringen können, wäre es sicher ein weniger umfangreicher, gleichwohl bewegenderer geworden. So lautet mein Urteil: nicht empfehlenswert, Elke Heidenreich! Sie hat den Roman in ihrer Sendung vom 4. Juli empfohlen, aber nur die selten zu findenden Rosinen herausgepickt und erwähnt!

Joyce Carol Oates, Du fehlst, übersetzt von Silvia Morawetz, Frankfurt/M 2008, 489 S. ISBN 978-3-10-054014-0

Datum: 12. August 2008
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2 Kommentare

  1. Wildgans | Donnerstag, 14. August 2008 12:45
    1

    gelungene rezension.
    du hast präzise auch meine gründe genannt, warum ich das buch bis zum auffinden der toten mutter und noch ein paar seiten weiter gelesen habe, danach nur noch den schluss.
    jetzt muss ich aber gleich noch schnell nachlesen, wer der täter war – und dann geht es zurück in die bib.
    gruß von wildgans

  2. mona lisa | Freitag, 15. August 2008 15:48
    2

    Danke!

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