Michael Köhlmeier, Idylle mit ertrinkendem Hund

Diese Erzählung ist alles andere als eine Idylle. Alles, was passiert ist anders, außer-gewöhnlich für die Beteiligten, weil sie das, was sie tun, sonst nie tun. Aber was sie tun, ist eigentlich nicht außer-gewöhnlich. Ein Lektor besucht seinen Autor, um mit ihm ein neues Buch durchzusprechen. Wegen der Witterungsverhältnisse und weil er Monika, die Frau des Autors so sympathisch findet, übernachtet er im Hause des Autors, macht allein lange Spaziergänge, auf dem er einen Hund trifft, der ihm sogleich folgt. Diese Begegnung erzählt er gleich dreimal! Ich habe mich gefragt: erlebt er sonst nichts? Auf einem gemeinsamen Spaziergang, entgegen allen Gewohnheiten des Lektors, begegnen sie dem Hund, er ihnen über den noch gefrorenen Rhein zuläuft – und einbricht. Der Autor versucht unter Lebensgefahr, diesen Hund zu retten.
Also: ereignisarm, scheinbar nur Mitteilungen an der Oberfläche, unter der dann die Einsamkeiten dieser Menschen aufblitzt, ihre Unfähigkeit, über erlebte Schicksalsschläge zu sprechen, um sie damit aufzuarbeiten.
Interessanter als die Handlung als solche sind einzelne Sätze, Charakterbeschreibungen. Etwa wenn der Ich-Erzähler die Arbeitsweise seines Lektors beschreibt: “Er legte über einzelne Worte das Chirurgentuch mit dem Schlitz in der Mitte, das den Gegenstand der Untersuchung von allen anderen Organen isoliert, um dessen Bedeutung und daraus resultierend dessen Strahlkraft innerhalb eines Satzes und weiter eines Satzgefüges besser untersuchen zu können.” Chirurg oder Literaturliebhaber, der Texte seines Autors lektoriert? “Ich vertraute meinem Lektor, verlor aber das Vertrauen in meinen Text.” Tja.
Arbeit des Lesers ist  es, das Verhältnis der beiden unter diesen Sätzen zu finden – “kriminalistische” Fähigkeiten sind also gefragt! Übrigens nach diesem Ereignis beendet der Lektor – per Brief – die Zusammenarbeit mit diesem Autor. Nach “Motiven” zu suchen, bleibt ebenfalls dem Leser überlassen.

Michael Köhlmeier, Idylle mit ertrinkendem Hund,  München 2010, 109 S., ISBN 978-3-423-13905-2

Datum: 12. September 2010
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5 Kommentare

  1. Celine | Freitag, 17. September 2010 15:36
    1

    Das hört sich ja wirklich nach einer verrückten Geschichte an. Nicht gerade ein Hunderoman nach meinem Geschmack. Ich kann “Weihnachtshund” von Daniel Glattauer empfehlen, eine wirklich tolle und witzige Hundegeschichte.

  2. mona lisa | Sonntag, 19. September 2010 8:04
    2

    Es ist auf keinen Fall ein “Hunderoman”!

  3. Karthause | Donnerstag, 23. September 2010 8:14
    3

    “Nachdem ich “Abendland” und “Madalyn” mit viel Freude las, habe ich mir nun dieses Buch von Michael Köhlmeier bestellt, ich bin nach deiner Rezi schon sehr gespannt. LG Karthause

  4. mona lisa | Donnerstag, 23. September 2010 8:26
    4

    Ich würde mich über eine kurze Rückmeldung nach der Lektüre freuen.

  5. Karthause | Donnerstag, 28. Oktober 2010 15:04
    5

    Inzwischen habe ich dieses Buch auch gelesen. Leider ist es nur 112 Seiten stark, ich hätte noch lange weiter lesen können. Dein Tipp war sehr gut. Danke! Mehr dazu findest du in meinem Blog. LG Heike

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