Waldtraut Lewin, Paulas Katze

Paulas Katze. Ein Haus in Berlin.1935 ist der zweite Teil der Berlin Trilogie von Waldtraut Lewin, die anhand von Familien deutsche Geschichte um 1890, 1935 und 1989 erlebbar und nachvollziehbar macht, weit über die im Anhang angefügte Zeittafel hinaus, in der man Fakten nachlesen kann.
Katharina Sander, von allen “Katze” gerufen, setzt sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften gegen ungerechte und von ihr als demütigend angesehene Behandlungen ihrer jüdischen Mitschülerin ein, weigert sich, Mathematikaufgaben an der Tafel zu rechnen, da sie Rechnen und nicht Rassekunde auf dem Stundenplan hätten, und muss mit dick geschlagenen und blutenden Händen nach Hause gehen, so dass sie tagelang keinen Zeichenunterricht bei Paula Glücksmann nehmen kann, ihrer jüdischen Maler-Freundin, die eine tiefe Zuneigung zueinander verbindet.
Und ausgerechnet die Katze verliebt sich in Gerolf Ginzel, den Sohn eines Sturmbannführers, bei dem sie das erste Mal in ihrem Leben Geborgenheit und Liebe erfährt und über den sie in die Welt der Musik Richard Wagners und Franz Liszts eintauchen kann. Er sieht in ihr das Reine, Arische, Nordische, das Lichtwesen das es zu retten gilt – mit allen Mitteln.
Dieser Roman hat eine spannende äußere Handlung, macht aber auch die inneren Nöte der Katze, ihre Angst, Wut und Gefühle für Gerolf erlebbar: “Angst kann so schlimm sein, dass man nicht mehr bei sich ist und irgendwohin flüchtet. Ins Schreien oder ins ‘Jenseits’. Manchmal ist es mir auch geglückt, mich ganz weit weg zu denken.” Sich Wegdenken, Malen, Musik hören und die Zweisamkeit mit Gerolf sind Inseln, die es ihr ermöglichen, ihren schrecklichen Alltag mit ihrer alkoholabhängigen Großmutter zu ertragen, die sie immer in den Keller schickt, zu den Lumpen und Ratten, wenn sie Männerbesuch empfängt, und die für sie entsetztliche Aufklärung über ihre wahren Eltern.
Starker Tobak, vielleicht ein wenig zuviel für ein Mädchenleben.

Waldtraut Lewin, Paulas Katze. Ein Haus in Berlin 1935, Ravensburg 1999, 283 S. mit dreiseitiger Zeittafel, ISBN 3-473-54248-2

Datum: 7. September 2010
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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