Janne Teller, NICHTS Was im Leben wichtig ist

Nichts bedeutet irgendetwas,
das weiß ich seit Langem.
deshalb lohnt es sich nicht irgendetwas zu tun.
das habe ich gerade herausgefunden.

Mit diesen Worten verlässt Pierre Anthon die Schule – für immer. Reaktion der Lehrer: Sie räumen rasch hinter ihm her, “sowohl im Klassenzimmer als auch in unseren Köpfen”. Doch diese Provokation, verbunden mit der Wahl eines Pflaumenbaumes, auf dem Pierre nun sitzt und täglich seine Mitschüler mit Pflaumen und weiteren nihilistischen Bemerkungen bis ins Markt trifft, hat weitreichende Konsequenzen.
Die Klasse will Pierre beweisen, dass er Unrecht hat. Sie sammelt zunächst Gegenstände wie Fotos, Angeln, Boxhandschuhe, Sandalen, an denen die MitschülerInnen besonders hängen, und stapeln sie zu einem “Berg von Bedeutung”. Jede(r), der ein Opfer hat bringen müssen für die gemeinsame Überzeugungssache, denkt sich für einen Mitschüler etwas aus, das er dann auf den Berg legen muss. Die Wut auf das, was andere von einem gefordert haben, löst eine Eskalation aus. Bald geht es um religiöse Gegenstände, um Husseins Gebetsteppich, ein Kreuz, um Tabubrüche wie die Exhumierung eines Sarges und die körperliche und seelische Unversehrtheit: Vergewaltigung von Sophie als Darbringung ihrer Unschuld und das Abhacken eine kleinen Fingers von Jan-Johan, eines Gitarrenspielers.
Doch Pierre weigert sich beharrlich, den Berg von Bedeutungen auch nur in Augenschein zu nehmen, im Gegenteil: Er provoziert weiterhin und stachelt die Wut, geboren aus den Verletzungen, die durch die Opfer entstanden sind und der zunehmenden Unsicherheit der Jugendlichen, ob es so etwas wie eine Bedeutung gibt, weiter an. Dann “petzt” jemand und die Erwachsenen erfahren, womit ihre Kinder in den letzten Wochen und Monaten beschäftigt waren. (womit waren denn die Erwachsenem die ganze Zeit über beschäftigt?). Strafen, Strafpredigten sind die hilflosen Reaktionen der Erwachsenen, auf das, was sie nicht wirklich verstehen. Lancierte Hinweise an die Presse lösen einen Medienrummel aus. Der Berg von Bedeutung, anfangs als einen Haufen stinkenden Drecks bezeichnet, scheint weltweit Bedeutung zu bekommen, denn ein New Yorker Museum will ihn für eine Summe von drei Millionen sechshundertundzwanzigtausen Euro erwerben. Da ist die Frage nach der Bedeutung ja wohl beantwortet!?
Der Roman endet dramatisch. Der Leser bleibt mit den Fragen allein: wann hat etwas Bedeutung? und wodurch? hat eine Sache an sich, durch sich Bedeutung? oder gebe ich ihm die Bedeutung? kann jemand mir meine Be-deutung absprechen? ist Bedeutung mehrheitsfähig? Die Antwort muss jeder selbst finden.
Die Reaktionen auf dieses Buch sind sehr konträr, anfangs in dänischen Schulen verboten, hat es 2008 die Aus-zeichnung als bester Jugendroman bekommen und ist mittlerweile in viele Sprachen übersetzt. Janne Teller ist ein Jugendbuch auch für Erwachsene gelungen, das sie ins Gespräch bringen könnte, auf der Suche nach dem (Un-) Sinn des Lebens. Denn Erwachsene haben die Antwort auch nicht!

Janne Teller, NICHTS, Was im Leben wichtig ist, Roman,aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler, München 2010, 140 S., ISBN 978-3-446-23596-0

Datum: 13. Oktober 2010
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4 Kommentare

  1. rosadora | Montag, 18. Oktober 2010 9:13
    1

    danke, liebe mona lisa,
    ich habe es angeklickt und angehört.
    ich habe einen enkel in der 7. klasse. ich will es ihm schenken und mit ihm diskutieren. ob mir das gelingt, weiss ich nicht. die mutter kontrolliert
    die lektüre und sagt zur ausrede, p. hat gar keine zeit zum lesen… so viel muss er pauken. da wäre das ´nichts´ein paukenschlag.

    rosa

  2. mona lisa | Montag, 18. Oktober 2010 9:22
    2

    Rosadora, ist für die 7. Klasse vielleicht noch ein wenig früh, aber lies es selbst und mache dir ein Bild, denn du kennst deinen Enkel besser!

  3. 3

    […] oder finde ich ihn, bekomme ich ihn durch andere? Fragen, mit denen man in dem (Jugend-) Roman von Janne Teller, Nichts was im Leben wichtig ist, konfrontiert wird. Doch auch dort gibt es nicht die Antwort. Muss offensichtlich jede(r) selbst […]

  4. 4

    […] Woran sich dann wieder die Frage nach dem Sinn […]

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