Herman Koch, Angerichtet

Die 5-Gänge eines Menus in einem Spitzenrestaurant, in dem man normalerweise Monate auf eine Reser-vierung warten muss – außer wenn der Bruder, Serge Lohmann, designierter Ministerpräsident ist- strukturieren die äußere Handlung dieses Romans, der in Rückblenden die sehr unterschiedlichen Leben und Ansichten der beiden Ehepaare und gleichzeitig das aktuelle Problem ihrer Kinder aufdeckt. Eine möglichst gemeinsa-me Lösung muss her.
Der Ich-Erzähler ist einer der beiden Ehemänner. Von Anfang an ist die Stimmung gereizt, nahezu aggressiv, die beiden  Brüder sind sich offensichtlich nicht „grün“, doch richtet sich die Aggressivität auch gegen die Bediensteten des Restaurants und deren Art, die Gerichte zu präsen-tieren. Schadenfreude kommt auf, wenn etwas „schief“ geht. Im Verlauf der Handlung bekommt der Leser immer mehr den Eindruck, dass mit dem Ich-Erzähler etwas nicht stimmt. Als sein Sohn Michel als Kind einmal beim Fußballspielen eine Fensterscheibe demoliert, greift der Vater den Fahrradhändler beinahe mit einer Fahrradpumpe an, als dieser meint, er müsse über die Annahme des Geldes als Schadensersatz noch über die Fußball spielenden Kinder lamentieren. Später schlägt er den Direktor krankenhausreif, als dieser ihn zur Rede stellt, weil Eltern sich über seinen Unterricht beschwert haben, und wird aus dem Schuldienst entlassen.
Der Romantitel kann sich aber auch auf das beziehen, was Michel, mittlerweile 15 Jahre alt, gemeinsam mit Rick und Beau Faso, seinen Neffen „angerichtet“ haben, als sie einen Mann in einer U-Bahnstation und eine Obdachlose, die in einem Geldautomatenhäuschen übernachtet, verprügeln – mit verheerenden Folgen – und das Ganze auch noch filmen. Die vier Erwachsenen wissen – spätestens nach der Sendung xy – dass ihre Kinder die Täter sind.
Wie mit diesem Wissen umgehen, wessen Interessen vertreten? Die der Opfer, die je nach Ansicht beinahe zu Tätern werden, die der Jugendlichen und ihrer Zukunft oder die Serge Lohmanns im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen? Claire, Michels Mutter nimmt da ganz eindeutig Stellung. Sie handelt – in einer Art, bei der sich mir die Nackenhaare hochstellen.
„Angerichtet“ ist ein Buch, von dem ich nicht weiß, ob bzw. wem ich es empfehlen soll. Die Thematisierung von Gewalt gegen Außenseiter ist in der vorliegenden Form für mich nicht angemessen. Ich kann aber auch der vorliegenden Form von Komik, Ironie und Sarkasmus nichts abgewinnen. Zudem ist die sprachliche wenig bemerkenswert, die Charaktere der beiden Frauen bleiben ziemlich unklar. Das Buch hat zu Beginn Längen. Spannung entsteht für mich erst nach ca. 70 Seiten – ich hatte schon überlegt, das Buch an die Seite zu legen. So habe ich z.B. keine Lust, mir in einem Roman erklären zu lassen, wie eine Lupe funktioniert: „Mit der Lupe kam es nun darauf an, den richtigen Abstand zu finden. Je nachdem, ob ich näher an den Bildschirm heranging oder mich von ihm entfernte, wurde das Bild schärfer. Schärfer und größer.“
Warum Autor und Titel auf dem Buchumschlag klein, auf dem Titelblatt dann aber groß geschrieben werden, er-schließt sich mir auch nicht. Macht aber nichts.

Herman Koch, Angerichtet, Aus dem Niederländischen von Heike Baryga, Köln, 4. Auflage 2010, 309 S. ISBN 978-3-462-04183-5

Datum: 15. Februar 2011
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.