Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein

Der Roman „Jeder stirbt für sich allein“ ist seit kurzem in einer ungekürzten Neuauflage auf dem Buchmarkt, gebunden mit Lesebändchen! Zusätzlich mit einem historischen Stadtplan Berlins auf den Innenseiten ausge-stattet, so dass der interessierte Leser die Handlungsorte (auf-) suchen kann. Ich hatte dazu keine Lust, weil ich die Handlung einfach zu spannend finde – zudem sind meine Kartenlesefähigkeiten wenig ausgeprägt.
Anna und Otto Qangel beginnen nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Karten mit einfachen Botschaften gegen das Hitlerregime zu schreiben und in der Stadt an frequentierten Stellen zu verteilen, in der Hoffnung damit etwas für das Ende der Diktatur zu tun. Doch die Karten verbreiten bei den Findern Angst und Schrecken. Die meisten werden bei der Polizei abgegeben, wo sich Kommissar Escherich mit den Kartenschreibern befasst – lange ohne Erfolg, was ihn zunehmend selbst in Schwierigkeiten bringt. Er, der vermeintlich unantastbare „Hüter des Gesetzes“, der auch schon mal jemanden umbringt oder verprügeln lässt, wenn’s der Sache dient, gerät in die Fänge der Gestapo, kaum glaubend was ihm da widerfährt.
Die Atmosphäre von Angst, Denunziation, Judenhass, oft verbunden mit persönlicher Unzulänglichkeit, Habgier und dem Wunsch, wichtig und „erfolgreich“ zu werden, die brutalen Verhör- und Foltermethoden, die Unsinnigkeiten von Prozessen, die nur Außendarstellung haben, da die Urteile ja schon vorher feststehen, aber auch die Versuche einiger – trotz allem – menschlich zu bleiben, andere zu retten oder sie wenigstens menschlich mitfühlend zu behandeln, geht unter die Haut, ist körperlich spürbar, weil deutlich wird, dass alles, aber auch alles gegen einen verwendet werden kann, weil jeder Lebensbereich betroffen ist.
Gleichzeitig entstand lesend bei mir ein Gefühl von Dankbarkeit und Glück, eine solche Zeit nicht miterlebt haben zu müssen. Wie ich wohl gelebt, gedacht hätte? Jede Zeile, jede Seite provoziert den (innerlichen) Schrei: „Nie wieder!“ Da ist mir persönlich egal, was über die literarische Qualität dieses Romans andernorts ge-schrieben und oft kritisiert worden ist.

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein, 11. Aufl. Berlin 2011, 704 S. (einschließlich Nachwort, Glossar u. Dokumente zum historischen Kontext), ISBN 978-3-351-03349-1

Datum: 13. Oktober 2011
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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3 Gedanken zu „Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein

  1. Menachem

    Auch ich habe gerade das Buch „gehört“, und auch ich bin immer wieder erleichtert, in diesen Zeiten nicht gelebt zu haben und vor keinen Entscheidungen gestanden zu haben. Das Buch stellt m.E. nach jeden Leser zwei Fragen: Wie hättest du gehandelt?
    und die zweite:
    Würdest du nochmal so handeln?

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  2. mona lisa

    Penelope, bitte eine Übersetzung der Zeichen – dazu reichts’s bei mir (noch nicht)
    Menachem, die zweite Frage ist sicher nicht unwichtig, nur wer würde die ernsthaft bzw. ehrlich beantworten.

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