Frank Goosen, Radio Heimat

Frank Goosen widmet dieses Buch seiner Omma. Ja, Omma is kein Schreibfehler, sacht man hier so. Hier dat is der Pott, für nicht Eingeweihte: das Ruhrgebiet. Goosen erzählt Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend. Da ist von diversen Plätzen die Rede: von Sportplätzen, Pommesbuden, Frittenschmieden, Partykellern, Kneipen und Selterbuden und ihren jeweiligen Vorzügen:

“Das größte Plus für die Lebensqualität zwischen Recklinghausen und Hattingen, Duisburg und Unna ist jedoch die ‘Trinkhalle’ oder ‘Selterbude’, kurz: die Bude, ein nicht wegzudenkender Versorgungsstützpunkt, der elementare Grundnahrungsmittel wie Flaschenbier, Kartoffelchips und Klümpchen auch jenseits der üblichen Ladenöffnungs-zeiten bereithält. Beim Wohnungswech-sel innerhalb des Ruhrgebietes achten echte Kenner weniger auf die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr als vielmehr auf die Entfernung zur nächsten Bude.”

Liebevoll werden auch die entsprechenden Menschen vorgestellt: die Laber-fürsten, Kumpels, Blagen, Schrebergartenbesitzer und Frauen, die sich auf Sofakissen aufgestützt an offenen Fenstern über den Hof weg unterhalten, das Ganze gewürzt mit entsprechenden O-Tönen. Ich hab’ mich an manchen Stellen kringelig gelacht, weil vieles auch Aspekte meiner Kindheit und Jugend beschreibt etwa die Sorge von Tanten und Müttern, “man könne keine saubere Unterwäsche anhaben. Saubere Unterwäsche war für sie ein Riesenthema. ‘Stell dir mal vor … du musst plötzlich zum Arzt!’ ”

Ob “Radio Heimat” auch für “Fremde” komisch ist, weiß ich nicht. Ich erinnere mich, wie ich als Studentin in Bayern den Film “Die Abfahrer” gesehen habe und stets die einzige war, die lauthals lachen mussten. Für die Bayern war der Film nichts. Und so könnte es “Auswärtigen” auch mit diesem Buch gehen. Sicher ist es ein Buch für Menschen, die hier aufgewachsen sind, nun woanders leben (müssen) und mal wieder Lust haben, dem Ruhrgebiet, seinen Menschen, seiner Sprache und den vielen Klischees zu begegnen, die es über den Pott offensichtlich immer noch gibt.

Frank Goosen, Radio Heimat, Geschichten von zuhause, 4. Aufl. 2010, 163 S., ISBN 978-3-8218-6072-5

Datum: 30. Dezember 2011
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3 Kommentare

  1. Beatrix Alfs | Sonntag, 2. Dezember 2012 18:43
    1

    Zumindest für die Ruhrgebietler ist es ein absolutes Muss! Für alle anderen würde ich aber auch mal sagen, werden sie an manchen Stellen kaum ums Lachen herum kommen.

  2. mona lisa | Sonntag, 2. Dezember 2012 19:30
    2

    Beatrix, wäre schön!

  3. 3

    […] ist nach “Radio Heimat” der zweite Roman von Frank Goosen, den ich gelesen habe. Aber ganz ehrlich: “Radio […]

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