George Simenon, Brief an meine Mutter

Den „Brief an meine Mutter“  hat George Simenon dreieinhalb Jahre nach dem Tod der Mutter begonnen. Es ist der Versuch, die zu verstehen, die er Zeit seines Lebens nicht verstanden hat, da der Faden zwischen ihnen nur ein dünner gewesen ist. Der Brief zeichnet, ausgehend von seinen Gedanken am Sterbebett der Mutter, ihren kargen Lebensweg auf, der geprägt war vom enorm starken Willen, unabhängig zu sein und fürs Alter vorgesorgt zu haben. Sie hat sich von ganz unten hochgearbeitet. Jede kleine Freude war für sie eine Eroberung.

„In deiner reglosen Starrheit hast du uns beherrscht. …
Ich bemühte mich weiter, dich zu verstehen. Und ich begriff, daß du dein ganzes Leben lang gut warst.

Nicht unbedingt gut gegen die anderen, aber gut gegen dich selber, … Es gab nichts, was dich abstieß. Im Gegenteil,  je schwieriger die Aufgabe war, desto fester hast du dich daran geklammert.

Ist es da erstaunlich, daß du dich nicht mit denen in deinem Umkreis abgabst, die du als die Glücklichen dieser Welt ansahst?

Das waren wir. Du sahst uns entweder nicht oder du reihtest uns in die Kategorie jeder ein, die alles erreicht und erhalten hatten. “

Sein Versuch zu verstehen, ist gekennzeichnet von der Bemühung, ihre oft schroffen Zurückweisungen aus ihrer Perspektive zu sehen und zu begreifen, und dadurch die damit verbundenen eigenen persönlichen Kränkungen zu verarbeiten. Simenon schließt mit der Bemerkung: „Siehst du, Mutter, du bist eines der kompliziertesten Wesen, denen ich je begegnet bin.“
Dieser  Brief ist sprachlich sehr schlicht und doch findet Simenon klare Worte, präzise Beschreibungen.

Georges Simenon, Brief an meine Mutter, a.d. Franz. von Trude Fein, Zürich 1997, 141 S. (a.d. Reihe Kleine Diogenes TB), ISBN 3-257-70122-5

 

Datum: 27. März 2012
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