Irvin D. Yalom, Und Nietzsche weinte

Man muss lange warten bzw. lesen, bis Nietzsche endlich weint. Es ist ein weiter Weg bis dahin, viel Zeit zum Sinnieren, Verweilen, Nachdenken darüber, was das Gelesene mit einem selbst zu tun haben könnte.

Dr. Breuer ist ein bekannter Wiener Arzt, der sich manchmal als eine Art “Rededoktor” oder “Angstarzt” vorkommt, immer dann, wenn die Symptome seiner Patienten offensichtlich keine organischen Ursachen haben.

Lou Salomé, eine Bekannte Nietzsches, kann Dr. Breuer dazu überreden, Nietzsche zu behandeln, der unter unerträglichen Migräneattacken leidet. Dieser darf aber auf keinen Fall wissen, dass Lou Salomé dahinter steckt. Und: Nietzsche will sich nicht behandeln lassen, wird dann aber von Freunden überredet, Dr. Breuer wenigstens einmal aufzusuchen.Der beißt bei Nietzsche auf Granit, findet trotz vielfältiger Strategien, die er auch mit dem jungen Freud bespricht, keinen Zugang zu ihm und kann ihn nicht davon abhalten abzureisen. In der Nacht vor seiner Abreise erleidet Nietzsche allerdings eine solche Migräneattacke, dass er in seiner Verzweiflung einer Behandlung zustimmt. Diese nimmt im Verlauf eine verblüffende Wendung, so dass länger nicht ganz klar ist, wer nun Arzt und wer Patient ist.

Der Leser erhält – auf gut lesbare, unterhaltende Art – tiefere Erkenntnisse in das Seelenleben der beiden, liest wunderbare Monologe und Dialoge, die sich im weitesten Sinne um die Frage dreht: Wie lebe ich meine Leben? Und was ist mein Leben?

” ‘Der Tod verliert seinen Schrecken, sofern man stirbt, wenn man sein Leben gelebt, wenn man vollbringend gelebt hat! Wenn man nicht zur rechten Zeit lebt, kann man auch nicht zur rechten Zeit sterben.’
‘Was heißt das nun wieder?’ stöhnte Breuer, der Verzweiflung nahe.
‘Fragen Sie sich selbst, Josef. Haben Sie ihr Leben gelebt?’
‘Sie beantworten Fragen mit Fragen, Friedrich!’
‘Sie stellen Fragen, deren Antwort Sie kennen!’ konterte Nietzsche.
‘Wenn dem so wäre, wozu sollte ich noch fragen?’
‘Um Ihre eigene Antwort nicht kennen zu müssen!’ ”

Wer kennt nicht solche oder ähnliche innere Monologe?
Es ist ein wunderbarer Roman über menschliche Beziehungen in Gesellschaft, über die Anfänge der Psychotherapie, die beginnt in seelische Tiefen zu tauchen, das Unbewusste und seine Bedeutung zu entdecken und die provozierende Frage stellt: Wofür braucht der Mensch seine Krankheit, welche Erleichterung gesteht sie ihm zu, die er sich als Gesunder nicht glaubt verschaffen zu dürfen?
Mir hat dieser Roman noch besser gefallen als die Schopenhauerkur von Yalom.

Irvin D. Yalom, Und Nietzsche weinte, a.d.amerik. Englisch v. Uda Strätling, 632 S. einschließlich Nachwort, 3. Aufl.München 2009, ISBN 978-442-73966-0

Datum: 16. Juni 2012
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4 Kommentare

  1. Wildgans | Samstag, 16. Juni 2012 20:43
    1

    Das interessiert mich und Yalom lese ich eh gern!
    Vielleicht dazu passend und ebenfalls provozierend dieser Satz hier: 100 Jahre Psychotherapie und der Welt geht´s immer schlechter. (James Hillman)
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Sonntag, 17. Juni 2012 7:19
    2

    Wildgans, was außer den beiden von mir rezensierten Romanen kennst du noch und was kannst du empfehlen?
    Dir einen sonnigen Sonntag!

  3. Wildgans | Sonntag, 17. Juni 2012 13:52
    3

    Die in meiner Bib vorhandenen habe ich gelesen und für gut befunden:
    Liebe, Hoffnung, Psychotherapie. Das große Yalom-Lesebuch.
    Die Liebe und ihr Henker, mit Geschichten.
    Die rote Couch.
    Gruß von Sonja

  4. 4

    […] der Lektüre der beiden Romane “Und Nietzsche weinte” und “Die Schopenhauerkur” habe ich “Die rote Couch” in meinem […]

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