Sabine Bode, Die vergessene Generation

Wenn Julia Onken sich in „Rabentöchter“ für den Dialog zwischen den Generationen einsetzt, so macht Sabine Bode in ihrem Buch deutlich, weshalb es in vielen Fällen extrem schwierig bis nahezu unmöglich ist, nicht nur zwischen Müttern und Töchtern.

Der Untertitel lautet: „Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ fast 60 (!!!) Jahre nach Beendigung des Krieges (das Buch ist erstmals 2004 erschienen). Erst jetzt sind manche in der Lage, über ihre traumatischen Erfahrungen zu reden, weil sie ihnen vorher vielleicht nicht bewusst waren oder sie nicht darüber reden konnten, durften, ihre Erfahrungen nicht ernst genommen wurden oder im Gegenteil als Anekdoten zur Erheiterung der Verwandtschaft beigetragen und ihre Seelen noch einmal verletzt haben.

In vielen Kapiteln werden Aspekte zusammengetragen, die annähernd verständlich machen, zumindest eine Ahnung vermitteln, weshalb geschwiegen wurde und welche Folgen dieses Schweigen gehabt hat und teilweise noch immer hat. Ein Schweigen, so laut, dass es eigentlich nicht zu überhören war. Ein Schweigen, das auch die Kinder der Kriegskinder hautnah zu spüren bekamen, es aber nicht fassen konnten, verstehen schon gar nicht. Ein Schweigen, was oft durch Alkohol, Tabletten oder sonstige, auch nicht stoffliche Suchtmittel, daran gehindert wurde, in ein Herausschreien überzugehen, von alldem, was nicht benannt und daher auch nicht verarbeitet werden konnte, unter dem aber alle Beteiligten gelitten haben und zum Teil immer noch leiden, weil die Möglichkeit, zu trauern und das erlittene Leid zu verarbeiten, vielfach nicht gegeben war .

So ist nicht verwunderlich, dass Bode feststellt: „Ich habe den Eindruck, die Hälfte der Leserinnen und Leser der ‚Vergessenen Generation‘ sind Kinder der Kriegskinder, die mehr über ihre Eltern wissen wollen“ oft in der Hoffnung „die Beziehungen zwischen den Generationen würden sich künftig bessern.“ Ob das möglich ist, hängt sicher von vielen Faktoren ab. Das Buch eröffnet einen Horizont, auf dessen Hintergrund Verstehen beginnen kann.

Ergänzt werden die Ausführungen mit einem Nachwort von Luise Reddemann. Gewünscht hätte ich mir im Anhang noch eine Literaturliste der im Buch angegebenen Literatur für diejenigen, die sich mit einigen Aspekten noch genauer befassen wollen. Insgesamt eine aufschlussreiche Lektüre.

Sabine Bode, Die vergessene Generation, Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Mit einem Nachwort von Luise Reddemann, 2. Aufl. Stuttgart 2013, 304 S., ISBN 978-3-608-94797-7

Datum: 27. Februar 2013
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10 Gedanken zu „Sabine Bode, Die vergessene Generation

  1. Sonja

    Sowohl meine Mutter als auch meine Schwiegermutter haben geschwiegen über das Schlimme, das ihnen geschah oder das sie mitansehen mussten…mir wird allerdings für immer unverständlich bleiben, wieso sie taten- und sprachlos daneben standen, wenn ihre Männner die gemeinsamen Kinder grausam prügelten….Oft von der Mutter eingefordert, wenn sie dem abendlichen Heimkehrer „Missetaten“ der Kinder runterjammerte….

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  2. mona lisa Beitragsautor

    Vielleicht weil sie es für richtig empfunden haben? Frei nach dem Motto: Das hat noch nie jemandem geschadet? Prügel als Erziehungsmittel war einfach gesellschaftlich akzeptiert.

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