Erich Kästner, Fabian

Die erste Ausgabe dieser „Geschichte eines Moralisten“ ist zensiert erschienen. Die damals gestrichenen Passagen, sind dem heutigen Leser im Anhang zugänglich. Es ist eine ironisch bittere Großstadtsatire, die der damaligen Gesellschaft den Abgrund vor Augen führen wollte, auf den sie unaufhaltsam zuging. Der ursprüngliche Titel sollte denn auch „Der Gang vor die Hunde“ heißen.

Doch sieht man sich in einem (Zerr-) Spiegel, so erkennt man sich oft nicht, sondern bleibt an den Abweichungen vom vermeintlichen Spiegelbild hängen bzw. beschimpft den Spiegel. Der Roman begleitet Fabian, den Moralisten und „Fachmann für Planlosigkeit“, auf seinem alltäglichen Leben durch die Großstadt. „Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus.“ Gelehrte kommen ins Irrenhaus, weil sie sich weigern, ihre Erfindungen zu vermarkten, woraufhin die Nachkommen sie entmündigen lassen, sehr zur Erleichterung des Betroffenen.

Auf karikaturhafte Weise wird auch die damals vorherrschende Doppelmoral der Gesellschaft darstellt, in der Frauen als achtbare selbstständige Wesen nicht vorkommen, selbst wenn sie einen juristischen Doktortitel tragen. Sie halten sich lieber an die Versprechen vermeintlich wohlgesonnener Mäzenen, an ihre reichen Ehemänner, denen sie möglichst das Jahr über aus dem Weg gehen. Sie sind unter dem Deckmantel gutbürgerlicher Zimmervermittlung Puffmütter oder verruchte Künstlerinnen, die sich von Männern schlagen lassen.

Fabian setzt dem allen eine naive Gutmütigkeit entgegen und scheitert, immer wieder. Am Ende dann völlig:
Fabian sieht einen Jungen von einer Brücke fallen und springt hinterher.
„Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer.
Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.“

Erich Kästner, Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, München 28. Aufl. 2012.246 S., ISBN 978-3-423-11006-8

Datum: 28. März 2013
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