Erich Hackl, Abschied von Sidonie

Das 1933 aufgefundene Findelkind war „von einer heimlichen und doch lebhaften Schönheit, ein schwarzer Flaum beschattete das dunkle Oval des Gesichts, dem die dichten Brauen über den verkrusteten Augen eine seltsam ergreifende Fremdheit verlieh.“

Es war offensichtlich ein „Zigeunerkind“, das zunächst niemand haben will, von einer Pflegefamilie in die andere kommt und schließlich von Hans und Josefa Breirather liebevoll aufgenommen und mit dem eigenen Kind aufgezogen wird. Ein weiteres Pflegekind komplettiert die Familie.

Trotz der zunehmend schwierigeren politischen und finanziellen Situation, Hans Breirather ist als Sozialdemokrat politisch aktiv, er wird sogar verhaftet, kommt in der Familie niemandem die Idee, Sidonie weggeben zu wollen. Hans und josefa bemühen sich sehr darum, das mittlerweile 10jährige Mädchen behalten zu dürfen, weil ihnen u.a. die zunehmende „Bekämpfung des Zigeunerwesens“ suspekt erscheint und ihnen die behördlichen Bemühungen um Sidonies Rückführung in ihre Ursprungsfamilie Sorgen macht. Sie bieten sogar an, auf das Pflegegeld zu verzichten, weil das vordergründig als Grund für die Rückführung in Sidonies Ursprungsclan genannt wird.

Auch vormalige Unterstützer der Familie ziehen sich zurück. Das Amt besteht darauf: Sidonie muss zu ihrer Famlilie zurück, mit fatalen Folgen.

Es ist eine sehr leise, dennoch eindringliche Erzählung über Menschlichkeit und menschliche Grausamkeit, die ebenfalls so alltäglich daherkommt mit klaren, vorhersehbaren Folgen, von denen aber niemand etwas wissen, für die sich auch keiner verantwortlich fühlen will. Der Titel der Erzählung lässt von Anfang an keine Illusionen zu.

Friedrich Hackl, Abschied von Sidonie, Zürich 2014, 188 S., ISBN 978-3-257-26110-3

Datum: 20. Juni 2014
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