Martin Schleske, Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens

So lange habe ich noch nie an einem Buch gelesen. Und nicht weil es langweilig ist, eher im Gegenteil. Es eröffnet mir als Leserin völlig neue Welten: zum einen die Welt des Geigenbauers, vom Suchen der passenden Klangbäume bis hin zum letzten Schliff, den die Geige durch ihren besonderen Lack erhält, der dann noch feinfühlig auspoliert werden muss. Erst dann hat die Geige die Möglichkeit, Teil der Instrumenteneinheit eines Orchesters zu werden und die Gedanken eines Komponisten hörbar zu machen.

Zum anderen die Welt seines christlichen Glaubens. In jeder Zeile, in jeder Beschreibung eines Arbeitsschrittes, der dazugehörigen akribischen Vorbereitungen, kommt die Hingabe Martin Schleskes zum Ausdruck, mit der er seinen Beruf ausübt, der für ihn Berufung ist. Die Erschaffung einer Geige ist für Schleske in jeder Phase Gleichnis und Ausdruck seines christlichen Glaubens, in dem er tief verwurzelt ist, den er täglich ausübt und durch den er lebt. Die Beschreibung seines Glaubens hat mich zutiefst berührt und sehr, sehr nachdenklich werden lassen. Die Darstellung ist so wortgewaltig, feinfühlig und klar, dass das, was er beschreibt, für mich unmittelbar eingängig ist. Es ist ein Buch, das man mit dem Herzen lesen bzw. erfahren kann. Viele Gleichnisse aus der Bibel erhalten eine für mich neue Dimension und Bedeutung, die sie mir in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen. Die Differenziertheit der Sprache lässt einen viele Worte in ihrer Bedeutung neu entdecken, Begriffe wie Dankbarkeit, Demut, Gehorsam erhalten ihre befreienden Dimensionen zurück, derer sie im Missbrauch religiöser Erziehung zur Deckelung von Menschen oft beraubt worden sind, eine Erfahrung, die auch Konstantin Wecker gemacht und in „Mönch und Krieger“ beschrieben hat bzw. Dieter Gurkasch in „Leben Reloaded„.

Das Buch hat mich nicht nur immer wieder dazu gebracht, mir die berühmte „Gretchenfrage“ zu stellen: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“, sondern mir auch Gedanken zur „Berufung“ des eigenen Leben zu machen, darüber, ob ich mein Eigenes schon gefunden habe, wie bewusst ich lebe, welchen Einflüssen ich mich aussetze, wie ich mein Verhältnis zu anderen gestalte. „Der Klang“ lässt mich nach dem unerhörten Sinn meines Lebens fragen und macht mir deutlich, welche Bereiche bei mir verkümmert sind, weil ich mich nicht um sie gekümmert habe. Das Buch konfrontiert mich mit meinem Selbst auf eine mir bis dahin unbekannte Art und Weise, es führt die Verantwortung für’s eigene Leben immer wieder vor Augen.

Der Glaube an den dreieinigen Gott ist für Martin Schleske Fundament und Teil in allen Bereichen seines Lebens, das trägt, auch wenn Leiden, Zweifel, Schuld sich lauthals bemerkbar machen.

Für mich ist dieses Buch eine Offenbarung, so habe ich christlichen Glauben noch nie betrachtet. Es hat für mich etwas von einer „Befreiungstheologie“. Ich werde noch lange damit zu tun haben und das im August als Taschenbuch erscheinende Werk sicher noch einmal lesen, wenigstens in Teilen.

Meist enden Bücher mit einer Danksagung – ja auch das von Martin Schleske. Ich aber möchte die Rezension mit meinem Dank an den Autor beschließen, das Buch geschrieben zu haben, an die Fotografin Donata Wenders für ihre wunderbaren Fotografien, an Karl für den Buch-Tipp und an mich selbst, dass ich es ganz gelesen habe. Das Buch ist jeder Hinsicht für mich eine Heraus-Forderung.

Martin Schleske: Geigenbauer, Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens, München, 7. Aufl. 2013, 351 S., ISBN 978-3-466-36883-9

Datum: 30. Juni 2014
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