Bodo Kirchhoff, BETREFF: EINLADUNG ZU EINER KREUZFAHRT

Achtung: Das Buch bitte nicht an passionierte Kreuzfahrtfahrer verschenken oder nur an solche, die über eine große Portion Humor und Selbstironie verfügen!

Diese Erzählung ist alles andere als ein Lobpreis auf die immer beliebteren Kreuzfahrten, sondern eher ein Spiel mit den darüber kursierenden Klischees und Vorstellungen. Formal ist sie die ausführliche Mail-Antwort eines Schriftstellers an die Agentin der Reederei Arkadia Line, Frau Susanne Faber-Eschenbach, die ihn als Gastkünstler
„zu einer zweiwöchigen Kreuzfahrt durch die Karibik in einer Außenkabine mit Balkon bei freier Verpflegung sowie freien Getränken an jeder Bar unter der Bedingung mehrerer Lesungen aus meinem Werk, jeweils zur Prime Time … das Ganze auch gültig für eine Begleitperson einschließlich des Fluges nach Havanna auf Kosten der Reederei Arkadia Line“ eingeladen hat.

Also: Ein scheinbar nicht auszuschlagendes Angebot:
„Was kann ein Mensch dazu anderes sagen als ja? Und doch erlaube ich mir einige Gedanken vor einer Zusage, die, wie Sie betonen, möglichst umgehend erfolgen soll, obgleich die Reise erst für die Zeit um die Jahreswende eingeplant ist und wir uns noch kaum im März befinden?“

Was dann folgt, ist die humorvoll, satirisch, zuweilen auch sarkastische Beschäftigung des Schriftstellers mit den Ausführungen im Kleingedruckten des Vertrages:
„Was Kreuzfahrtunternehmen nicht alles wissen wollen, ehe der Schriftsteller eines ihrer Schiffe betreten darf, um die Passagiere auf der Reise zu unterhalten – also gut, ja, das heißt nein: Die Sportangebote an Bord üben keinerlei Reiz auf mich aus, ich würde nicht zu jenen zählen, die schon morgens auf dem Freideck bemüht sind, die Biegsamkeit ihrer Gliedmaßen für den Rest des Tages sicherzustellen. Und bitte sehr ja: Was ich an Bord lesen werde, ist auch unterhaltsam, für manche bestimmt. Und nein, ich habe nicht vor, meinen Status auszunutzen, weder im Hinblick auf alleinstehende Damen, noch auf irgendein Zimmermädchen, dem es, nebenbei gesagt wohl lieber wäre, ich würde Bücher im großen Stil vertreiben, ein Großhändler sein, anstatt der, der sie schreibt. Und ja, ich bin bereit, alle Lesestellen offenzulegen und auch gegebenenfalls vom einen oder anderen Satz abstand zu nehmen.“

Während der Schriftsteller dieses Antwortschreiben verfasst, trinkt er diverse Gläser Whisky, was seine Phantasie über die Kreuzfahrt, die daran teilnehmenden Passagiere und die anderen Gastkünstler zu beflügeln scheint. Er entwirft diverse Szenarien, was auf dem Kreuzfahrtschiff alles so passieren kann, wenn er als Schriftsteller mit seinen Lesungen – zu denen seiner Auffassung nach sowieso nur die wenigsten Passagiere kommen werden – die Vorstellungen der Passagiere von einer ungetrübten Kreuzfahrt durchkreuzen würde, und fragt die Reederei-Agentin, ob sie denn auf Sterbefälle im allgemeinen, Tötungsdelikte im besonderen, auf den Ausbruch von Seuchen an Bord etc. eingerichtet seien, da die vorhandene „Souvenirinfektionsstation“ für einen solchen Seuchenausbruch sicher nicht ausgelegt sei.

Da werden in seiner Phantasie Kreuzfahrtbürger schnell zu Kreuzfahrtkriegern, der Schriftsteller als Sprachenlieferant – so wird er von der Reederei bezeichnet – zum Totengräber:
„Ich … könnte nicht anders als die zahlenden Gäste spüren lassen, dass sie ohne Flügel geboren sind und der Himmel, den sie sich von der Kreuzfahrt versprechen unerreichbar bleibt.
Die Frage meiner Sicherheit an Bord verknüpft sich demnach mit der Frage, wie es um die Gemütslage Ihrer Passagiere steht, oft ja schwer zu erkennen unter der Abendgarderobe.“

In sehr langen Sätzen, mit nur wenigen Absätzen, auf die er die Agentin ironisch hinweist, entsteht eine Art Negativ-Bild über den Schriftsteller, da eher deutlich wird, wozu er nicht taugt. Was er kann, wie er Sprache beherrscht, mit ihr spielt, das entgeht einem beim Lesen ganz sicher nicht. Das Ergebnis ist ein lesenswertes, amüsantes und sicher teilweise auch autobiografisch gefärbtes Schriftstellerportrait „in Zeiten einer weltweiten Vergnügungssucht.“

Bodo Kirchhoff, BETREFF:EINLADUNG ZU EINER KREUzFAHRT, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 2017, 126 S., ISBN 978-3-627-00241-1

Datum: 24. Juli 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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