Peter von Matt, Sieben Küsse

Küssen als „Allerweltsgeschäft“, als „zarte Tätigkeit“, die ungezählte Formen kennt und entsprechend unterschiedliche Bedeutungen aufweist“, das interessiert Peter von Matt in diesem überaus lesenswerten und interessant geschriebenem Buch über „Glück und Unglück“ in der Literatur nicht. Ihn beschäftigt vielmehr der Kuss als Ereignis, das tief eingreift in die „Selbst- und Welterfahrung der Protagonisten“.

Dazu hat sich der Autor sieben Werke der Weltliteratur ausgesucht, um – gut nachvollziehbar – aufzuzeigen, welche Bedeutung der jeweilige einzige und einzigartige Kuss sowohl im Leben der Protagonisten als auch für die Handlung des jeweiligen Werkes hat.

Er beginnt mit Virginia Woolfs Mrs. Dalloway und weist nach „Wie man zwischen zwei Namen lebt“. Die Überschrift lenkt geschickt das Interesse auf die folgenden Ausführungen:

„Der Name Clarissa wurde zum Synonym für das uferlose Innenleben einer liebenden und verführten und verratenen Frau.“

Wer mag da nicht weiterlesen und mehr über die Protagonistin und ihre Autorin Virginia Woolf erfahren? Es folgen Werke von F.Scott Fitzgerald, Gottfried Keller, Franz Grillparzer, Heinrich von Kleist, Marguerite Duras und Anton Tschechow.

Peter von Matts Liebe und Leidenschaft zur Literatur, seine unglaublichen, über rein literturwissenschaftliche weit hinausreichende Kenntnisse und seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge differenziert und dennoch klar zu formulieren, machen die Lektüre dieses Buches zu einem intellektuellen Genuss.

Er macht zudem neugierig auf die Werke, die man noch noch nicht kennt und ermutigt zu eigenen Betrachtungsweisen, indem er unterschiedliche Deutungen der Texte anbietet, dann aber auf die Autonomie des Lesers hinweist:

„Einen Text zu verstehen, wie es ihm beliebt, ist schließlich das gute Recht aller Leserinnen und Leser.“

Peter von Matt verrät bei aller Genauigkeit in seinen Ausführungen nicht so viel von der Handlung, dass es uninteressant wird, zu den Originalen zu greifen und sie zu (noch einmal) zu lesen. Denn auch über Werke, die man gelesen hat und meint verstanden zu haben, etwa die „Marquise von O.“ von Heinrich von Kleist, erfährt man viel Neues. Einblicke, Ausblicke, Hintergrundinformationen zum Autor und seiner Adaption von Rousseau Briefen, die offensichtlich in diese Novelle eingeflossen sind, erhellen und vertiefen das vermeintlich Bekannte. Insofern wird man als LeserIn durch die Lektüre reich beschenkt.

Gern hätte ich zu meinen Studienzeiten Vorlesungen bei jemanden gehabt, der auf so interessante und vor allem so verständliche Weise über Literatur gesprochen hätte, statt des damals noch vorherrschenden Wisschenschaftssprachgeschwurbels. Es wird sicher nicht mein letztes Buch von Peter von Matt gewesen sein. So unterhaltsam über Literatur zu schreiben, ist dann fast auch schon wieder Literatur, auf jeden Fall gute Schriftstellerei.

Peter von Matt, Sieben Küsse, Glück und Unglück in der Literatur, Carl Hanser Verlag, München 2017, 288 S., ISBN 978-3-446-25462-6

Datum: 15. August 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: