Minka Pradelski, Es wird wieder Tag

„Es wird wieder Tag“ ist der Roman über Klara und Leon Bromberger, beide polnische Holocaustüberlebende, der mit der Geburt ihres ersten Kindes, des kleinen Bärel, beginnt – Heiligabend in einem katholischen Krankenhaus in Frankfurt, wo schon lange „keine von denen“ mehr auf der Station waren – der aussieht, „als habe er die Welt schon einmal gesehen“ – so die Aussage des bei der Geburt anwesenden Arztes. Und Bärel, schon als altkluges Kind auf die Welt gekommen, ist es auch, der seine eigene Geburt, seine Eltern beschreibt, die er als Greise erlebt:

„Die Greisin war gewiss mal ein schönes Kind gewesen, ich schaue interessiert ihre zarten Wangen an, die sanft gewölbten rosigen Lippen mit dem ausladenden Schwung von einem pastellfarbenen Rand liebevoll eingerahmt, aus welchem Winkel ich sie auch betrachtete.“

„Der Kerl, der mich im Arm hielt, gefiel mir nicht. … er war hässlich und uralt. … Der Alte sagte freudig: ‚Mein Kaddisch ist da! Mein Kaddischsager ist zur Welt gekommen!‘ „

„Es wird wieder Tag“ ist ein vielschichtiger, verdichteter Roman, der am Beispiel von Klara und Leon erzählt, welchen Repressalien polnische Juden im katholischen Polen ausgesetzt waren, wie sie versucht haben zu überleben, ihre Traumatisierungen zu verdrängen, um neu beginnen zu können, trotz allem, was sie erlebt haben.

Wie aber kann die Sprachlosigkeit über das, was war, überwunden werden? Klara und Leon können darüber nicht reden. Überhaupt ist die Atmosphäre in ihrer Ehe zunächst sehr distanziert und eher lieblos. Die Autorin, selbst in einem DP-Camp in Zeilsheim bei Frankfurt geboren und aufgewachsen, lässt jeden aus seiner Perspektive erzählen und zwar erst einmal nur für sich selbst.

Während eines Spazierganges mit Bärel begegnet Klara ihrer ehemaligen KZ-Aufseherin, die in männlicher Begleitung und offensichtlich hochschwanger unterwegs ist. Diese Begegnung löst bei Klara eine Retraumatisierung mit katastrophalen Folgen aus. Sie will Gerechtigkeit. „Die Amerikaner sollen sie aufhängen!“ Leon zeigt Liliput bei den Amerikanern an, obwohl er davon überzeugt ist, dass auch die Amerikaner nicht alle Mörder erwischen können, da die Unterstützung der Nazischergen durch die Bevölkerung noch weit verbreitet ist.
Dennoch zeigt er sich Klara gegenüber zuversichtlich, die zunehmend in ihrer tiefen Depression versinkt, so dass sie nicht mehr in der Lage ist, sich um irgendetwas zu kümmern. Leon verzweifelt und droht, ihr das Kind wegzunehmen, wenn sie nicht wieder zu sich kommt.

„Du bist eine Kämpferin. Du hast so viele Gefahren überlebt, wirst doch nicht an einer einzigen Begegnung mit dieser SS-Mörderin zugrunde gehen!“

Und Leon zwingt Klara zu schreiben:
„Schreibe Klara, schreibe. Bann das Böse auf das Papier! Fessele es mit deinen Worten! Verpass Liliput den Todesstoß! … Schreib dich gesund für dein Kind, wenn du es behalten willst. Kämpfe um jeden Satz! Sobald du den Stift aufsetzt, wird sich das Blatt füllen.“

Und Klara schreibt und löst damit Bärels Teil des Romans ab, der als „Spion in der Wiege“ bis hierhin die Geschichte seiner Eltern erzählt hat. Doch Bärel ist immer in ihrer Nähe, wenn Klara ihre Erlebnisse aufschreibt, die ihr Mann nicht zu sehen bekommt, denn sie verschließt ihre Aufzeichnungen in einer Schublade. Sie sind dennoch sehr wirkmächtig, weil heilsam für sie und ihre Seele.
Das Schreiben ermöglicht Klara auch, sich wieder ihrem Mann zuzuwenden, der durch diese Krise weicher, zartfühlender ihr gegenüber sein kann. Er schenkt ihr einen Liebesbrief, den er schon seit langem immer in seiner Hosentasche mit sich herumträgt. Nun kann Klara Leon auch mit seinem Vornamen ansprechen, den sie bisher immer nur als Bromberger bezeichnet hat.

Klara aber bemerkt sofort, dass der Liebesbrief nicht Leons Handschrift trägt, er nachträglich nur ihren Namen eingesetzt hat und will wissen, wer den Brief geschrieben hat und warum er damals sie und nicht die Rote geheiratet habe. Eine Antwort bekommt sich nicht, Leon bleibt ihr – nicht aber den Leser*innen – die Antwort schuldig. Seine Aufzeichnungen beginnen mit genau diesem Geheimnis:
„Klara wird nie erfahren, warum ich sie und nicht eine andere geheiratet habe. Ich hüte mein Geheimnis. Es ist besser für uns beide.
Wenn ich zurückdenke, wann ich zum ersten Mal bemerkte, was ich für Klara empfand, so war es der Tag, an dem unser Sohn zur Welt kam. Genauer gesagt, einige Stunden vor seiner Geburt. Ich hatte plötzlich Angst um Klara.“

Die Autorin schafft es also, Schweigen verständlich und gleichzeitig beredt zu machen. Sie ermöglicht damit ein Verständnis dafür, warum viele Holocaustüberlebende kaum bis nie über ihre Erlebnisse auf der Flucht, im Lager und ihr Leben danach erzählen konnten und wollten. Die Einnahme der drei unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht es allen Personen, ungestört und ohne Bewertung ihre Sichtweisen darzulegen. Wobei mich die Perspektive Bärels als neunmalklugen Babys, das bereits mehr kann als die ihn umgebenden Erwachsenen, die er pausenlos bewertet, doch eher irritiert hat. So ganz erschlossen hat sie sich mir auch nicht.

Es ist dennoch ein überaus lesenswerter vielschichtiger Roman geworden, der viel Themen und Lebensbereiche und den unbändigen Überlebenswillen der Überlebenden darstellt.

Minka Pradelski, Es wird wieder Tag, Roman, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 2020, 383 S., ISBN 978-3-627-00277-0

Datum: 17. September 2020
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