Michael Kleeberg, Glücksritter

Michael Kleeberg geht in seiner „Recherche über meinen Vater“ einer Frage nach, die viele seiner Generation – Kleeberg ist Jahrgang 1959 – beschäftigt: Wer war mein Vater, waren meine Eltern, die man geliebt, gehasst, oft nicht verstanden hat?

Von ihnen selbst hat man nicht viel erfahren, sie haben – oft einsam – geschwiegen, sich selbst unverstanden, missverstanden gefühlt, konfrontiert mit der „wohlfeil zu habenden Moral der Nachgeborenen“, die sich als Kinder und auch noch als sich abnabelnde Jugendliche meist sicher nicht gefragt haben, „was man von den je eigenen und verschlungenen unsichtbaren Wegen jeder menschlichen Seele, mit dem Horror und der Schuld der Zeit umzugehen, in die man hineingeboren und von der man ein Teil ist,“ wissen kann.

Und so beginnt Michael Kleeberg nach dem Tod der Eltern, Nachforschungen anzustellen. Fragt bei Verwandten, bei noch lebenden Kollegen, Mitarbeitern nach, findet die ein oder anderen Dokumente, liest in Kindheitserinnerungen anderer nach, kramt aber auch in eigenen Erinnerungen und zeichnet ein sehr umfassendes Porträt seines Vaters, das gleichzeitig auch die Zeit erinnerbar macht, in der sein Vater aufgewachsen ist und wie er nach dem Krieg versucht hat, die damals vorherrschenden Werte zu verwirklichen: sozialer Aufstieg, Karriere, Familie etc. mit den damit verbundenen Tugenden „Arbeitsdisziplin“, „eiserner Wille“ und die Sichtbarmachung des „Wir-sind-wieder-wer“ durch Statussymbole wie Auto, eigenes Haus, in dem die Familie, wie vorher in den Mietwohnungen allerdings auch, mehr oder weniger isoliert lebt, kaum Freunde oder Bekannte hat, die zu Besuch kommen, isoliert von allem Kollektiven.

„Nicht viel fragen und sich niemandem offenbaren. Daran hielt er sich sein Leben lang.“

Das Buch ist eine Annäherung an die Frage: Wer ist mein Vater? Nicht unbedingt eine klare Antwort. Folgende Zeilen könnten als versöhnliches Fazit gelesen werden:

„Vielleicht führt all dieses ‚aber warum war er so und so und hat dies oder jedes getan oder unterlassen‘ ganz einfach zu nichts. Vielleicht muss man den Menschen wie ein Kunstwerk sehen, bei dem man den Schöpfer oder Autor ja auch nicht permanent fragt, wieso es so und nicht anders sei. Es gefällt einem oder nicht. Es erfüllt einen mit Freude oder Abscheu oder lässt einen gleichgültig. Man achtet es als Leistung seines Schöpfers, und wenn es einen nicht interessiert, lässt man es zumindest aus Respekt heil.“

So ist es sicher auch mit diesen Recherchen Michael Kleebergs. Mich hat das Buch sehr an meine Kindheit und Jugend in meiner Familie erinnert. Über vieles habe ich nachdenken, sinnieren müssen. Insofern war es für mich eine leicht zu lesende, aber zum Teil nur in kleineren Häppchen zu verdauende Lektüre, für mich eher ein Gütezeichen, mit der Chance auf mehr Verständnis für die Generation der Eltern, aber auch der eigenen. Denn das, was man ggf. den Eltern zugute halten möchte, darf man dann auch gern für sich beanspruchen: Verständnis und Versöhnung.

Michael Kleeberg, Glücksritter. Recherche über meinen Vater. Galiani Berlin, Berlin 2020, 233 S., ISBN 978-3-86971-140-9

Datum: 4. November 2020
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