Fragen am Meer

Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:

»O löst mir das Rätsel,
Das qualvoll uralte Rätsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andere
Arme schwitzende Menschenhäupter –
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er gekommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?«
Es murmeln die Wogen ihr ewges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.

(Heinrich Heine, aus dem Zyklus, Die Nordsee)

Datum: 23. Januar 2021
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2 Gedanken zu „Fragen am Meer

  1. Quer

    Ja, wir arme Narren warten auf Antwort. Sie wird nicht kommen.
    Aber verzweifeln müssen wir nicht.
    Sehen, was ist, nehmen, wie’s kommt.
    Einen lieben Morgengruss,
    Brigitte

    Antworten

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