Regentage

Regentage

Dunkle Tage, wolkenübersponnen,Jeder regenschwerer noch und trüberZiehen teilnahmslos an mir vorüberSchweigend, wie verhüllte, blasse Nonnen. Und das Herz wird enger da und stilleKaum will sich ein leiser Wunsch noch regen,Langsam stirbt im steten, steten RegenJeder frohbewegte Schaffenswille. Und des Nachts kann sich kein Bild mehr spinnenIn den sonst so farbenbunten Träumen,Denn ich horche nur von allen BäumenAuf das monotone Regenrinnen … (Stefan Zweig)

Annie Ernaux, Der junge Mann

Annie Ernaux, Der junge Mann

Wenn ich die Dinge nicht aufschreibe,sind sie nicht zu Ende gekommen,sondern wurden nur erlebt. Die Liebesbeziehung der Mitte Fünfzigjährigen mit einem dreißig Jahre jüngeren Mann hat also bereits ihr Ende gefunden. „Ich arbeitete ohne Unterbrechung an meiner Erzählung und parallel dazu, mittels einer entschlossenen Distanzierung, an der Trennung. Zwischen ihr und dem Ende des Buches lagen nur wenige Wochen.“ Im Grunde genommen schreibt die Ich-Erzählerin nicht wirklich über die Beziehung zu diesem jungen Mann, der seltsam blass bleibt, sondern das,…

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Man frage nicht …

Man frage nicht …

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.Ich bleibe stumm;und sage nicht, warum.Und Stille gibt es, da die Erde krachte.Kein Wort, das traf;man spricht nur aus dem Schlaf.Und träumt von einer Sonne, welche lachte.Es geht vorbei;nachher war’s einerlei.Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte. (Karl Kraus)

Pfützen

Pfützen

Pfützen spiegeln das Himmelslicht.Sie haben ein helles Gesicht. Meide ihre Mulden!Tritt nicht in Lachen.Wenn sie dich dreckig machen,Ist’s dein Verschulden. Pfützen sind Schicksal für manches Getier,Sind aber für Kinder Seligkeiten. Häufig werden sich zwei oder vierMenschen um Pfützen streiten. (Joachim Ringelnatz)

Kinder

Kinder

Was ist ein Kind? Es ist Liebe, die Gestalt angenommen hat. Es ist Glück, für das es keine Worte gibt. Es ist eine kleine Hand, die dich zurückführt in eine Welt, die du längst vergessen hast. Schön, dass du da bist und unser Leben reicher machst. Kinder sind Augen, die sehen, wofür wir längst schon blind sind.Kinder sind Ohren, die hören, wofür wir längst schon taub sind. Kinder sind Seelen, die spüren, wofür wir längst schon stumpf sind.Kinder sind Spiegel,…

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Der Schmetterling

Der Schmetterling

Der letzte, der allerletzte,so kräftig, hell, gelb schimmernd,als würden sich die Tränen der Sonneauf einem weißen Stein niederlassen.So ein tiefes, tiefes Gelber hebt sich ganz leicht nach oben.Er verschwand weil, so glaube ich,weil er der Welt einen Abschiedskuss geben wollte.Seit sieben Wochen habe ich hier gelebt.Eingepfercht im Ghetto.Aber ich habe hier meine Freunde gefunden.Der Löwenzahn verlangt nach mirund die weißen Kerzen der Kastanien im Hof.Aber ich habe niemals einen zweiten Schmetterling gesehen.Dieser Schmetterling war der letzte seiner Art.Schmetterlinge leben nicht hier,im Ghetto….

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Anderen Geschenk sein

Anderen Geschenk sein

Schenken Schenke groß oder klein,Aber immer gediegen.Wenn die BedachtenDie Gaben wiegen,Sei dein Gewissen rein. Schenke herzlich und frei.Schenke dabei,Was in dir wohntAn Meinung, Geschmack und Humor,So daß die eigene Freude zuvorDich reichlich belohnt. Schenke mit Geist ohne List.Sei eingedenk,Daß dein GeschenkDu selber bist. (Joachim Ringelnatz)

Wenn Stille nicht aushaltbar ist

Wenn Stille nicht aushaltbar ist

Worüber reden Menschen, wenn sie Stille nicht aushalten? Meist redet eine(r) darüber, was er/ sie gerade sieht, ihm/ ihr durch den Kopf geht, oft ohne mitzubekommen, ob es den anderen interessiert, er/ sie darauf eingeht oder nicht. Nicht selten grenzt es an Übergriffigkeiten, weil’s dann in Welterklärungsversuche übergeht, die sich allerdings nicht wie Angebote anhören, sondern eher wie: So ist die Welt. Diese Menschen – meist sind es Männer – brauchen nicht wirklich kein Gegenüber, höchstens als Claqueur für ihre…

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Vom Ich zum Du ins Wir

Vom Ich zum Du ins Wir

Ich hab das „Ich“ verlernt und weiß nur: wir.Mit der Geliebten wurde ich zu zwein;und aus uns beiden in die Welt hineinund über alles Wesen wuchs das Wir.Und weil wir Alles sind, sind wir allein. (Rainer Maria Rilke)

Gezeiten

Gezeiten

Es gibt Gezeiten im Geschick der Menschen, die, wird die Flut genutzt, zum Glück hinführen, wird sie verfehlt, so bleibt des Lebens Reise in Untiefen und Widrigkeiten stecken. Jetzt schwimmen wir auf einer hohen Woge und müssen, wenn sie naht, die Strömung nutzen, wollen wir nicht scheitern. (William Shakespeare)