Kathrin Schmidt, Du stirbst nicht

Nein, sterben wird sie nicht, jedenfalls jetzt noch nicht. Da ist Helene Wesendahl sich sicher. Aber nichts ist mehr wie es vor ihrer Einweisung in eine Klinik gewesen ist, in die sie wegen einer Hirnblutung eingeliefert wurde. Mühsam versucht sie sich zu erinnern,  wer sie ist und was mit ihr passiert ist und gerät dabei an körperliche, seelische und sprachliche Grenzen.  Denken und Wahrnehmung scheinen zu funktionieren, doch ihre Sprache und ihr Erinnerungsvermögen hinken hinterher.  Dem Klinikpersonal ausgeliefert, versucht sie dennoch ihre Eigenständigkeit und Würde zu behalten, weigert sich bestimmte Therapien mitzumachen, weil sie den Eindruck hat, nicht wirklich wahrgenommen zu werden. „Wenn einer die Hand ausstrecken will, ihr zu helfen, reagiert sie überempfindlich, versucht alles allein, gerät in Rage, wenn sie sich eingestehen muss, dies und das jetzt nicht und vielleicht nie mehr tun zu können.“ Und dann ist da auch noch ihr Mann, der sich um sie kümmert. Aber wie standen sie zueinander, bevor sie eingeliefert wurde? Nur bruchstückhaft kann sie ihre Situation, ihr Leben wieder zusammensetzten. Dabei greifen unmittelbare und weiter zurückliegende Vergangenheit ineinander und ergeben zum Schluss das mosaikartige Gebilde einer Frau, die von, mit und durch Sprache lebt, die sie aber teilweise verloren hat. „Sie muss wieder Sicherheit finden im Gebrauch der Worte. Sich nicht abhalten lassen, eines zu gebrauchen, wenn ihr im Moment des Aussprechens plötzlich unklar zu sein scheint, was es meint. Wieder ohne überlegen zu müssen sprechen zu können!“ Das ist ihr sehnlichster Wunsch.
Die Autorin, Gewinnerin des deutschen Buchpreises 2009, stellt inhaltlich und sprachlich überzeugend dar, wie jemand mit den Folgen einer Hirnverletzung versucht, wieder in ein weitgehend normales, zumindest aber selbstbestimmtes Leben zurückzukehren. Die Frage die sich dem Leser stets aufdrängt ist, wie würde ich wohl damit zurecht kommen? Welche Hilfe könnte, müsste, würde ich annehmen und welche würde ich zurückweisen?

Kathrin Schmidt, Du stirbst nicht, Roman, Köln 7. Auflage 2009, 348 S., ISBN 978-3-462-04098-2

Datum: 27. Januar 2010
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2 Kommentare

  1. rosadora | Donnerstag, 28. Januar 2010 10:10
    1

    das ist ein schwieriges thema, liebe monika,

    ich glaube, dass das von aussen nicht nachzuvollziehen ist und dass jede/r damit anders umgehen würde, weil es so so so verschieden ausfällt, diese ausfälle im gehirn.
    ich spreche aus eigener erfahrung. nach 25 jahren hormone abgesetzt (schon der 2. ergebnislose versuch),
    und ausfälle verschiedener art, die nur von einem unbemerkten ´schlag´herrühren können.
    die ausfälle auch von mir nicht zuzuordnen, weil sie so verschiedenartig waren.
    nicht zu sterben ist das eine, zu leben das ganz andere…

    leben und lieben wir das leben
    rosadora

  2. 2

    […] auch nicht Anliegen dieses Buches. Da hat der Roman von Kathrin Schmidt “Du stirbst nicht” ein anderes Kaliber. Aber Vergleiche sind sicher immer […]

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