Samstag, 24. Oktober 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Lock down der Seelen

Samstag, 24. Oktober 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Es stand vor eines Hauses Tor
Ein Esel mit gespitztem Ohr,
Der käute sich sein Bündel Heu
Gedankenvoll und still entzwei. –

Nun kommen da und bleiben stehn
Der naseweisen Buben zween,
Die auch sogleich, indem sie lachen,
Verhaßte Redensarten machen,

Womit man denn bezwecken wollte,
Daß sich der Esel ärgern sollte. –

Doch dieser hocherfahrne Greis
Beschrieb nur einen halben Kreis,
Verhielt sich stumm und zeigte itzt
Die Seite, wo der Wedel sitzt.

(Wilhelm Busch)

Freitag, 23. Oktober 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

Gestern habe ich beim Einkaufen eine Zeitschrift gesehen, die als Beigabe dieses kleine Heftchen mit Glanzbildern anbot.

Welche Erinnerungen waren auf einmal da: an Treppenstufen, auf denen ich mit anderen Mädchen gesessen habe – ich meist mit aufgeschlagenen Knien – mit Glanzbildern in einer Zigarrenholzschachtel. Die Wertigkeit der Glanzbilder war unter anderem davon bestimmt, ob sie mit oder ohne “Glimmer” im Tauschhandel angeboten wurden.

Doch auch der Duft dieser Zigarrenschachteln war ganz präsent und damit die vielen Erinnerungen an meinen “Oppa”. Ich hatte einen Großvater und meinen Oppa. Der rauchte – meist nur sonntags Zigarren – stets eine bestimmte Sorte, die ich ab und zu mit ihm am Bahnhofskiosk kaufen ging. Wenn nach Monaten dieses Kästchen leer war, dann bekam ich es für meine Schätze: Glanzbilder, Murmeln …

Dieser Opa war für mich wichtig. Dort durfte ich einfach sein. Er hat mir gezeigt, wie man hobelt, schnitzt. Wir haben sogar gemeinsam ein Puppenhaus gebaut, in das nie Puppen eingezogen sind. Das brauchte ich nicht. Das Zusammen-Sein mit meinem Opa war mir genug.

Er hat mir Rollschuhlaufen beigebracht, mir viel vorgelesen, mich sein lassen. “Latt dat Mädchen ment.” hat er zu meiner Oma gesagt, wenn sie meinte, ich müsse ihn in Ruhe lassen.

Gemeinsame Ritual waren die sonntäglichen Spaziergänge, die immer an einer Bude vorbeiführten, wo ich meinen Sonntagsgroschen in Klümpkes eintauschen konnte – 1/2 Pfennig kosteten die diversen Köstlichkeiten, die man sich nach eigener Auswahl in eine Tüte packen lassen konnte. Die musste dann die ganze Woche halten.

Darüberhinaus gab’s noch eine teurere Auswahl von: Mäusespeck, Nappoblocks, Lakritzschnecken, die zweigeteilt wurden, damit man länger was davon hatte. Salmiakpastillen pappten wir als Stern auf den Handrücken, um sie nach und nach abzulecken – auch das, damit man länger was von diesem Genuss hatte.

Dankbar, welch unverhofften Glanz diese Glanzbilder in meinen Tag zauberten.

Donnerstag, 22. Oktober 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (3)

“Norden” ist der gelungene Debütroman Sien Volders aus Gent über Sarah, eine talentierte und erfolgreiche Silberschmiedin, die von einer renommierten Firma das Angebot bekommt, unter ihrem eigenen Namen Schmuckstücke verkaufen zu können. Bisher hat sie prämierte Einzelstücke nach ihren Vorstellungen entworfen und auch hergestellt. Bei der Firma könnte sie designen, hätte aber mir der Herstellung nichts mehr zu tun. Eine schwierige Entscheidung für Sarah, die Schmuck immer passend Individualität ihrer Träger*innen angefertigt hat und nicht als “Kopie des Bankkontos ihrer Männer.”

Vor dieser Entscheidung flieht sie von Vancouver in den Norden Kanadas nach Forty Miles, einem ehemaligen Goldsucherstädtchen, und trifft dort auf die verwitwete Mary, eine ehemalige Malerin, die das einzige Lädchen der Stadt führt und dort auch für alle Post annimmt.

Mary bietet Sarah spontan an, bei ihr zu wohnen, von sich selbst überrascht. Die beiden Frauen freunden sich an, und nach und nach erfährt Sahra Marys Lebensgeschichte, die 1976 als Künstlerin in den Norden geflohen ist und dort auf die beiden Freunde Rick und den Trapper Walker trifft.

Sarah begegnet 1984 in Forty Miles vielen interessanten Menschen, unter ihnen die Freunde Adam und Jacob, die in der Dorfkneipe Musik spielen. Begegnungen, die für Sarah – wie auch damals für Mary – weitreichende Konsequenzen haben.
Die erzählte Zeit umfasst die Jahre zwischen 1976 und 1984 und zeichnet neben den Lebensgeschichten der beiden Frauen zwischen zwei Männern ein interessantes Porträt der kanadischen Landschaft, des schwierigen und oft einsamen Alltags ihrer Bewohner und ihrer besonderen lokalen Musik.

Sien Volders schafft es, die Leser*innen in ihre Erzählung zu holen, durch geschickte Vorausdeutungen die Spannung und damit auch das Lesetempo zu erhöhen.

Sien Volders, Norden, Roman, a.d. Niederländischen v. Bettina Bach, Residenz Verlag, Salzburg-Wien 2020, 284 S., ISBN978-3-7017-17347

Mittwoch, 21. Oktober 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

Der Wald ist ein besonderes Wesen,
von unbeschränkter Güte und Zuneigung,
das keine Forderungen stellt
und großzügig die Erzeugnisse
seines Lebenswerks weitergibt;
allen Geschöpfen bietet er Schutz
und spendet Schatten selbst dem Holzfäller,
der ihn zerstört.
 
(Siddharta Gautama Buddha)

Dienstag, 20. Oktober 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

Nur eine Stunde von Menschen fern,
Nur eine einzige Stunde!
Statt der tönenden Worte des Waldes Schweigen,
Statt des wirbelnden Tanzes der Elfen Reigen,
Statt der leuchtenden Kerzen den Abendstern,
Nur eine Stunde von Menschen fern!
 
Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Auf dem schwellenden Rasen umhaucht von Düften,
Gekühlt von den reinen balsamischen Lüften,
Wo von ferne leise das Echo schallt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!
 
Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Wo die Halme und Blumen sich flüsternd neigen,
Wo die Vögel sich wiegen auf schwankenden Zweigen,
Wo die Quelle rauscht aus dem Felsenspalt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!

(Auguste Kurs)

Montag, 19. Oktober 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (6)


Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, 
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben 
und wird in den Alleen hin und her 
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 
(Rainer Maria Rilke)

Sonntag, 18. Oktober 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

Verlustexperte

Samstag, 17. Oktober 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

Dieser mit zahlreichen Fotografien ausgestattete Band des vietnamesischen Mönchs, Zen-Meisters und Friedensaktivisten, möchte dazu beitragen, das wir lernen, jeden Tag achtsam zu leben. Denn heute bestimmen wir unsere Zukunft und die unserer Kinder und Enkelkinder.

In seiner spirituellen buddhistisch ausgerichteten Gemeinschaft in Plum Village lebt und unterstützt er verfeindete, zerstrittene Menschen, Frieden im Körper, Herz und Geist zu finden. Dazu gehören für ihn Tiefenentspannung, Annahme unterdrückter Gefühle und vor allem die Praxis des mitfühlenden Zuhörens und des liebevollen Redens, die ohne Bitterkeit, Beschuldigungen, Verurteilungen und Anklagen auskommt. Dieses Sprechen mit liebevoller Güte und Empathie führt seiner Erfahrung nach dazu, falsche Wahrnehmungen des anderen abzulegen, seine Menschlichkeit zu entdecken, und damit die Gemeinsamkeit im Mensch-Sein.

Dieses Büchlein ist ein Begleiter für alle Wochen des Jahres, eine Aufforderung zur täglichen Praxis im Alltag. Auf zwei Seiten für jede Woche findet man eine wunderschöne Fotografie, Gathas (Sinnsprüchen) und eine mehr oder weniger kurze Erklärung oder auch einer Handlungsaufforderung dazu. Für die 17. Woche ist zu lesen:

“Lerne Kompost in Blumen zu verwandeln.”
“Wenn wir unser Leiden zu umarmen und zu transformieren wissen, können wir Schmerz in Glück und Weisheit verwandeln.”

“In uns existieren Ärger, Traurigkeit und Sorgen ebenso wie Liebe und Verstehen. Wir gleichen darin einem Garten. Wenn Blumen verblühen, werden sie zu Kompost und auf diesem Kompost wachsen wunderbare Blumen. Dein Leiden ist dein Kompost: deine Traurigkeit, deine Verzweiflung, deine Eifersucht, deine Ablehnung. Ebenso wie deine Blumen – Verstehen, Liebe, Verzeihen – ist dein Leiden etwas Organisches “

Ein Büchlein für den Küchentisch, das Nachttischchen oder den Mediationsplatz, jedenfalls für dort, wo es als Aufforderung, kurz innezuhalten, seinen Platz findet.

Thich Nhat Hanh, Sei liebevoll umarmt. Achtsam leben jeden Tag. Ein Begleiter für alle Wochen des Jahres. Kösel Verlag München, 12. neugestaltete Aufl. 2019, ISBN 978-3-466-34748-3

Freitag, 16. Oktober 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

Draußen ziehen weiße Flocken 
Durch die Nacht, der Sturm ist laut; 
Hier im Stübchen ist es trocken, 
Warm und einsam, stillvertraut. 

Sinnend sitz ich auf dem Sessel, 
An dem knisternden Kamin, 
Kochend summt der Wasserkessel 
Längst verklungne Melodien. 

Dämmernd kommt heraufgestiegen 
Manche längst vergeßne Zeit, 
Wie mit bunten Maskenzügen 
Und verblichner Herrlichkeit. 

….

Und das alles zieht vorüber, 
Schattenhastig übereilt. 
Ach! da kocht der Kessel über, 
Und das nasse Kätzchen heult.

(Heinrich Heine)