Freitag, 4. Dezember 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Im Nebel
Bei Niedrigtemperaturen

Donnerstag, 3. Dezember 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

„Mein Roman ist kein historischer Roman. Es ist der Bericht eines Lebens, jenes meiner Großmutter, die die Geschichte auf ihre Art durchwanderte: frei, intensiv, schockierend.“

Es ist die Geschichte der Suzanne Meloche, die in den 50 iger Jahren des letzten Jahrhunderts in Kanada durchlebt wird, einer Zeit, „erdrückt von der Herrschaft der Kirche und den klerikalen Gesetzen“, in der Frauen geächtet werden, die nicht die drei K’s (Kinder, Küche, Kirche) als Inbegriff ihres Lebens ansehen. Dagegen wehren sich sich Künstler*innen der Künstlerbewegung der Automatisten in französisch sprechenden Québec.

Erzählt wird das Leben von ihrer Enkelin Anaïs, die erst nach dem Tod ihrer Großmutter beginnt, sich für diese ihr nahezu unbekannte Frau zu interessieren. „Du musstest sterben, damit ich anfange, mich für dich zu interessieren. Damit du vom Phantom zur Frau wirst. Ich liebe dich noch nicht. Aber warte auf mich, ich komme.“

Es gab nur drei „Begegnungen“ zwischen Enkelin und Großmutter, da Anaïs Mutter keinen Kontakt zu ihrer Mutter hatte, die ihre Kinder als Kleinkinder verließ, um ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben zu leben:
– bei der Geburt Anaïs
– als sie 10 Jahre alt ist, glaubt sie, ihre Großmutter vom Fenster aus gesehen zu haben und
– mit 26 Jahren besucht sie sie mit ihrer Mutter. Dieses Mal bricht die Mutter den Kontakt endgültig ab.

„Es ist meine Mutter, die beschließt zu gehen. Sie flüchtet lieber, bevor du uns wehtust. Man weiß nie. … Sie hat schon so viel Ablehnung geschluckt, so viele Zurückweisungen, und nun stecken sie alle in ihrer Kehle fest. Sie hat gerade so gelernt, nicht daran zu ersticken. Sie sagt nichts, aber sie lässt meine Hand nicht los. Wir halten uns gegenseitig.
Ich hasse dich. Ich hätte es dir ins Gesicht sagen sollen.“

Nach der Beerdigung schreibt Anaïs über ihre Mutter:

„Meine Mutter stützt sich an der Wand ab. Als wäre in ihrem Bauch eine Bombe explodiert und hätte alles ausgelöscht. Endlich von deiner Abwesenheit befreit. Vielleicht wird sie jetzt normal. Eine Frau, die ihre Mutter begraben hat.“

Anaïs findet bei der Auflösung der Wohnung ihrer Großmutter „Spuren der verlorenen, der versäumten, der entflohenen Zeit. Dein Pech.“ Dennoch ist sie fasziniert von der Wohnung, den Dingen, die sie in ihr findet, den Kleidern, der Kosmetik der Großmutter. Sie findet einen vergilbten Karton mit Briefen, Gedichten -später stellt sich heraus, dass es Gedichte der Großmutter sind – Zeitungsartikeln und eine Fotografie aus Alabama mit einem brennenden Bus, jungen Schwarzen und Weißen und „auf Knien eine junge Frau, die mir ähnelt.“

Die Spurensuche der Enkelin beginnt und langsam entwickelt sich ein ungewöhnliches Leben vor den Augen der Enkelin, der LeserInnen und allmählich ist Verstehen, Verständnis möglich, auch wenn unter der Haut der Mutter nach wie vor die „Glassplitter weiter festsitzen, (sie) Spuren des Verlassenseins wie ein Wappen trägt.“ Erst die Enkelin ist zu einer Versöhnung, zu einer Integration ihrer Ahnin, der Großmutter, fähig.

„Weil ich zu einem Teil aus deinem Fortgehen bestehe. Deine Abwesenheit ist ein Teil von mir, sie hat mich auch erschaffen. Dir habe ich dieses unruhige Gewässer zu verdanken, das meine Wurzel tränkt zahlreich und tief.
So existierst du fort.
In meinem beständigen Durst zu lieben.
Und in dem Bedürfnis frei zu sein, eine absolute Notwendigkeit.
Aber ich bin frei mit ihnen.
Ich, ich bin gemeinsam frei.“

Es ist ein inhaltlich und sprachlich faszinierender Roman entstanden über eine Frau, die stets im Konflikt gelebt hat mit ihren Wünschen, Werten, dem Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit und den Grenzen, die ihr die damalige Zeit mit ihren von Kirche und Gesellschaft geprägten (Moral-) Vorstellungen gesetzt hat. Suzanne Meloche hat den unerhörten, den radikalen Weg gewählt: Sie ist gegangen, hat ihren Mann und ihre beiden Kinder verlassen. Eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen für alle Beteiligten.

Von den Wunden, die diese Entscheidung bei der eigenen Mutter hinterlassen haben, war das Leben der Anaïs Barbeau-Lavalette lange Zeit geprägt. Sie hegte einen gehörigen Groll gegen die Großmutter als Grund für die Traumata ihrer Mutter. Es gehört schon Mut dazu, sich dieser Großmutter zu nähern, auch wenn es post mortem ist.

„Ich erinnere mich an dich.
Wir werden und an dich erinnern.“

So die beiden Schlusssätze des lesenswerten Romans.
Anaïs Barbeau-Lavalette, So nah den glücklichen Stunden, Roman, Eichborn Verlag, Köln 2020, 382 S., ISBN 978-3-8479-0058

Dienstag, 1. Dezember 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

„Wollte nur kurz Bescheid sagen, dass mir und S. nichts passiert ist. LG“

Ich konnte zunächst mit dieser Mitteilung meines in Trier wohnenden Sohnes nichts anfangen.
Gut zu wissen, dass meinem Sohn und seiner Frau, nichts passiert ist.

Aber: Was sollte Ihnen denn auch passiert sein?

Dann habe ich recherchiert.

Und war zutiefst dankbar über die Info meines Sohnes und die Tatsache, dass ihnen nichts passiert ist. Gleichzeitig aber war ich auch sehr erschüttert über das, was da in Trier geschehen ist.

In welche Zeiten leben wir, was ist mit den Menschen nur los?

Montag, 30. November 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (7)

Auf die größten, tiefsten,
zartesten Dinge in der Welt
müssen wir warten,
da gehts nicht im Sturm,
sondern nach den göttlichen Gesetzen des
Keimens und Wachsens und Werdens.

(Dietrich Bonhoeffer, gefunden in: Andere Advent)

Sonntag, 29. November 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (6)

Immer ein Lichtlein mehr
Im Kranz, den wir gewunden,
Dass er leuchtet uns so sehr
Durch die dunklen Stunden.

Zwei und drei und dann vier!
Rund um den Kranz welch ein Schimmer,
Und so leuchten auch wir,
Und so leuchtet das Zimmer.

Und so leuchtet die Welt
Langsam der Weihnacht entgegen,
Und der in Händen sie hält,
Weiss um den Segen!

(Matthias Claudius)

Samstag, 28. November 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Anna Stern ist für ihren Roman „das alles hier, jetzt“ mit dem diesjährigen Schweizer Buchpreis ausgezeichnet worden:

«Anna Stern hat einem der ältesten Themen der
Literatur eine völlig neue Form und unerhörte Töne abgewonnen.“

So heißt es in der Begründung der Jury.

In der Tat, der Tod eines geliebten Menschen ist zig mal literarisch verarbeitet worden. Jemand stirbt. In diesem Roman ist es Ananke, der sehr jung, nach kurzer Krankheit stirbt. Sein Freundeskreis trauert um ihn. Jeder versucht auf jeweils eigene Weise, den Verlust zu verarbeiten. Auch das ist nicht ungewöhnlich. Die Form, in der Anna Stern diese Trauerarbeit erzählt, schon.

Es beginnt mit durchgängiger Kleinschreibung, die ein wenig für Orientierungsschwierigkeiten sorgt, unvollständige Sätzen „ananke hat hier. ihr habt hier. einst.“  tun ihr übriges, widersetzen sich dem gängigen Leseverhalten. Sätze müssen mehrfach gelesen werden, da sie sich nicht immer sofort erschließen.
Dann gibt es eine schwarzgedruckte linke Seite, die das Unumstößliche der Gegenwart erzählt:

ananke stirbt an einem montag im winter, nachmittags zwischen sechzehn und siebzehn uhr.
Nur dieser eine Satz auf der linken Seite. So beginnt der Roman.

Auf der rechten Seite liest man dann in blassgrauer Schrift:
wir schenken uns nichts, das einzige, was wir uns geben, sind unsere namen: ananke gibt mir den namen ichor.

Wer dann glaubt, er werde eine Ich-Erzählung lesen, wird wiederum ent-täuscht:
um dieselbe zeit anfänglich unerklärt, der wechsel vom ich zum du.

Und wieder nur dieser eine Satz, nachdem man auf der linken schwarzgedruckten Seite vom Wetter am Todestag Anankes hat lesen können.
Es dauert ein wenig, bis man die Choreografie verstanden und für sich eine Lesart gefunden hat: man liest – wie vorgegeben – und wechselt regelmäßig zwischen Gegenwart und Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Ananke oder man entscheidet sich, die unterschiedlichen Zeiten nacheinander zu lesen, erst Gegenwart, dann Erinnerungen.

Wie auch immer, der Roman ist herausfordernd, zum Teil auch verwirrend. Ein Abbild der Hinterbliebenen, die nicht wissen, wie sie die Lücke schließen, wie sie sich aktiv mit Anankes Tod auseinandersetzten sollen? Auch das Beziehungsgeflecht untereinander erschließt sich nicht immer.
In jeder Hinsicht klarer wird es dann, als in der Gruppe plötzlich eine völlig verrückte Idee entsteht und sie sich auf eine – eigentlich unmögliche – Reise begeben. Der Roman wechselt von einer eher nach innen gerichteten Ansicht in ein Road-Movie.

Ob der Roman eine realistische Möglichkeit von Trauerverarbeitung zeigt, da bin ich mir ziemlich unsicher. Doch das ist vielleicht ja auch gar nicht Anna Sterns Motivation. Ob ein altes Thema in neuer Form erzählt, bereits ein Kriterium für gute Literatur ist, muss ich zum Glück nicht beurteilen.

Anna Stern, das alles hier, jetzt, Roman, Elster & Salis AG Zürich 2020, 248 S., ISBN 978-3-03930-000-6

Freitag, 27. November 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (6)

Das Gehen am frühen Morgen lohnt sich im Moment ganz besonders.

Frühnebel liegt als Weichzeichner über der Landschaft, die aufgehende Sonne verbreitet ihren ganz eigenen Zauber.
Ab und an Rehe, Graureiher auf den Wiesen.
Nur wenige Spaziergänger sind schon unterwegs.
Sie genießen ebenfalls die andächtige Stille.

In der Ferne tauchen vorbeifahrende Züge auf: rote, weiße mit roten Streifen – alle zu schnell, um sie auf einem Foto „festzuhalten“.

Und immer wieder gehen mir die Zeilen Hermann Hesses durch den Kopf: Seltsam, im Nebel zu wandern!

Donnerstag, 26. November 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Bald kommen sie wieder, die Rauhnächte, die auch „Innernächte, Glöckelnächte, Unternächte, Losnächte oder schlicht nur die Zwölfen“ heißen. Es sind die Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, für die es unzählige Regeln, Gebote und Verbote gibt.

Ich wohne in einer Gegend, in der die Rauhnächte kaum von Bedeutung sind. Mir sind also auch die Erzählungen rund um diese Nächte fremd, in dem Sinne, dass ich sie einfach nicht kenne, sie mir aber auch in ihrer Besonderheit, ihren Themen sehr fremd sind. Doch auch ich habe in Erinnerung, dass man in der Zeit keine Wäsche waschen soll, da es Unglück bringe.

Harald Krassnitzer, ein österreichischer Schauspieler, der vielen sicher als Tatortkommissar bekannt ist, hat in diesem Band „Geschichten zur Bewältigung von Ängsten und Erfüllung von Hoffnungen und Träumen “ gesammelt, die ihn in seiner Kindheit fasziniert haben. Es geht zum Teil sehr märchenhaft und auch sehr gruselig zu: Tiere können in diesen Nächten reden, oft prophezeien sie den Tod von Menschen des Hofes, des Dorfes, Menschen können Kontakt zu bereits Verstorbenen aufnehmen, Geister sind unterwegs, Gute werden belohnt, Böse entgehen ihrer gerechten Strafe nicht.
Die ein oder andere Geschichte ähnelt dann auch Märchen z.B. der der Gebrüder Grimm. So begegnet man in einigen Frau Holle oder Sagenfiguren aus der isländischen Tradition.

Krassnitzer hat „Wunderbares für eine besondere Zeit“ – so der Untertitel – zusammengetragen. In seinem Vorwort geht er auf die Tradition der Rauhnächte ein und verweist explizit darauf hin, dass ihn die esoterischen Aspekte der Rauhnächte nicht interessieren. Seine Sammlung ist demnach auch keine Anleitung für Rituale, die mancherorts mit diesen Tagen verbunden sind, sondern eine reine Geschichtensammlung.

Krassnitzer hat das Anliegen, mit Geschichten „auf das lang ersehnte Licht am Ende des Tunnels zuzugehen, das alte Jahr zu verarbeiten und das neue mit Hoffnung vorzubereiten. Wir tun dies mit den simpelsten Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, mit einfachen Geschichten von den Ängsten, Sorgen, der Liebe, der Wut, dem ganzen Spektrum des menschlichen Daseins.“

Harald Krassnitzer, Rauhnächte, Wunderbares für eine besondere Zeit, erweiterte Neuausgabe, hrsg. u. mit einem Vorwort von Harald Krassnitzer, Residenzverlag, Salzburg-Wien 2020, 171 S., ISBN 978-3-7017 1739 2

Mittwoch, 25. November 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

Karajan des Journalismus

(Jella Lepmann, Die Kinderbuchbrücke)

Dienstag, 24. November 2020 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

Diese phantasieschwangeren Nebel, was gebären sie alles!

(Richard Dehmel,1863-1920)