Mittwoch, 20. Januar 2021 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Gleich einer versunkenen Melodie
hör ich vergangene Tage
mich umklingen.


(Christian Morgenstern)

Dienstag, 19. Januar 2021 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

Grabesstille
ermöglicht
Gedanken
die auszusprechen
zu Lebzeiten
nicht möglich waren

Es fehlten
Einsicht
Dankbarkeit
Demut
und Mut

(© mona lisa)

Montag, 18. Januar 2021 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (4)

„Aber vergesst niemals, dass die Dinge auf die Art und Weise auf euch einwirken, wie ihr sie betrachtet.“ 

(O. M. Aïvanhov)

Sonntag, 17. Januar 2021 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

Du lieber Frühling! Wohin bist du gegangen?
Noch schlägt mein Herz, was deine Vögel sangen.
Die ganze Welt war wie ein Blumenstrauß,
längst ist das aus!
Die ganze Welt ist jetzt, o weh,
Barfüßle im Schnee.
Die schwarzen Bäume stehn und frieren,
im Ofen die Bratäpfel musizieren,
das Dach hängt voll Eis.
Und doch: bald kehrst du wieder, ich weiß, ich weiß!
Bald kehrst du wieder,
o nur ein Weilchen,
und blaue Lieder
duften wie Veilchen!

(Arno Holz)

Samstag, 16. Januar 2021 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (3)

Es gab eine Zeit da ich meinen Nächsten ablehnte, wenn sein Glaube nicht der meine war.
Mein Herz ist fähig geworden, alle Formen anzunehmen:
Es ist Weide für Gazellen und Kloster für Christenmönche,
Tempel für Götzenbilder und
Kaaba für Pilger,
es ist Gefäß für die Tafeln der Thora
und die Verse des Korans.
Denn meine Religion ist die Liebe.
Ganz gleich, wohin die Karawane der Liebe zieht,
ihr Weg ist der Weg meines Glaubens.

(Ibn’ Arabi)

Freitag, 15. Januar 2021 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (0)

Wer kennt aus der Kindheit nicht den Vorwurf:
„Sei doch nicht immer so neugierig!“
Krönung war:
„Du darfst alles essen, aber nicht alles wissen.“
Und was stachelt ein solches Verbot an? – Die Neugier!!

Doch wohin käme man/ frau ohne Neugier? Ist es die bloße „Gier“ aufs Neue, Andere, Unbekannte, die einen in die Welt hinausgehen und sie erforschen lässt? Oder ist Neu-Gier in manchen Fällen tatsächlich übergriffig, grenzüberschreitend? Und wenn ja – wer legt es fest?

Mit Ilija Trojanow kann man/frau gedankenspielerisch einen Streifzug durch die weitgehend philosophisch, theologisch und damit männlich geprägte Welt der Neugier machen, lernt Verfechter dieser Neugier kennen, aber auch solche, die „Barrieren gegenüber dem Wissen errichtet haben“, so dass es zu Herrschaftswissen und Berufsgeheimnissen kommen konnte.

Seine Hinweise auf einen geschlechtsspezifischen Umgang mit weiblicher Neugier sind sehr kurz gehalten:

„Jahrhundertelang wurden Mädchen dazu erzogen (geradezu abgerichtet), der Neugier zu entsagen. Weil es unschicklich schien. Und so ein Verbot genutzt werden konnte, Frauen davon abzuhalten, Dinge zu wissen, die nur Männer wissen sollten. Jene, die sich selbstherrlich Wissen aneigneten, wurden als Hexen verbrannt.“
Doch: Welche Schicksale verbergen sich hinter diesen wenigen Zeilen! Wäre sicher Thema für ein anderes Buch ;)

War Neugier früher häufig verpönt, so kommt es heute zu einem fast inflationären Umgang mit der Neugier etwa auf menschliche Daten im Internet. Trojanow warnt vor einer „Überdosis Neugier“, um sich dann der Frage zu stellen, was aus (kindlicher) Neugier im Alter wird.

Für ihn ist Neugier (s)ein Lebenselixier. Und das ist sein Fazit:
„Wieder und erneut. Selbst wenn die Neugier im Rollstuhl vorankommt, Hauptsache sie bleibt nicht stehen.“

Dieses Büchlein ist demnach eine Hommage an die „Neugier“, der man/ frau spätestens nach der Lektüre mit Lust und Freude nachgehen kann.

Ilija Trojanow, Gedankenspiele über die Neugier, Literaturverlag Droschl, Graz-Wien 2020, 55 S., ISBN 978-3-99059-061-4

Donnerstag, 14. Januar 2021 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (5)

Abendspaziergang im Licht der untergehenden Sonne

Donnerstag, 14. Januar 2021 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (2)

Lichtorganist

Mittwoch, 13. Januar 2021 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (5)

„Ich nannte ihn Krawatte“ ist ein kurzer Roman, dessen Inhalt sehr leise, zart, dennoch tiefgründig, poetisch erzählt wird und – zumindest bei mir – tiefes Mitgefühl hervorgerufen hat mit den beiden Protagonisten Taghuchi Hiro, einem zwanzig Jahre alten Hikikomori, der isoliert in einem Zimmer der elterlichen Wohnnug lebt, seit Jahren kaum noch Kontakt zu Menschen hat, nicht mehr spricht und kaum noch in die Öffentlichkeit geht, und Ōhara Tetsu, einem fünfzigjährigen arbeitslosen Angestellten, der es nicht schafft, seiner Frau von seiner Arbeitslosigkeit zu erzählen.

Der Roman erzählt aus der Ich-Perspektive Taghuchi Hiros im Rückblick von der Begegnung der beiden:

„Ich nannte ihn Krawatte:
Der Name gefiel ihm. Er brachte ihn zum Lachen.
Rotgraue Streifen an seiner Brust. So will ich ihn in Erinnerung behalten. …
Noch kann ich nicht glauben, dass unser Abschied ein endgültiger ist. … Er könnte. Deshalb sitze ich hier.
Es ist unsere Bank auf der ich sitze. Bevor sie zu unserer wurde, war sie meine gewesen.“

Taghuchi Hiro lernt über die stille, zuhörende mitfühlende Zuwendung Ōhara Tetsus sich wieder dem Leben zuzuwenden, indem er ihm nach und nach aus seinem Leben erzählt, aus dem Leben eines, der unter allen Umständen normal im Sinne gesellschaftlicher Normen sein will, sich bis zur Unkenntlichkeit anpasst, Gefühle versteckt und mitmacht, wo Verweigerung, Widerstand eine Sache der Menschlichkeit, der Solidarität, der Freundschaft, des Mitgefühls gewesen wäre und letztendlich auf sich, mit sich selbst nicht mehr klarkommt. Isolation als Versuch, dem Leben aus dem Weg zu gehen:

„Sie hatten Recht. Mein Sterbegedicht ist schon lange fertig. Was es noch zu schreiben gilt aber, ist das Gedicht, welches niemals fertig, ein endloses Anreiben der Tusche, ein endloses Eintauchen des Pinsels, ein endloses Gleiten über weißes Papier, das Gedicht meines Lebens ist. Ich will versuchen, es niederzuschreiben … Die erste Zeile: Ich nannte ihn Krawatte. Ich will schreiben: Er hat mich gelehrt, aus fühlenden Augen zu schauen.“

Auch Ōhara Tetsu, fast dreißig Jahre älter als sein Gesprächspartner, beginnt von sich zu erzählen, von seiner arrangierten Ehe, seinem später verstorbenen Kind, das mit seiner Behinderung so gar nicht dem Bild entsprach, was er sich vor der Geburt von seinem Sohn gemacht hatte, und von seinem Neid seiner Frau gegenüber, die ihr Kind so vorbehaltlos annehmen konnte wie es war.

So unterschiedlich die beiden Protagonisten leben, sind beide Menschen, die sich „selbst hinterherhinken“, die einsam, sprachlos, isoliert, sich selbst entfremdet in einer Ehe, einer Familie, einer Gesellschaft leben, in der das nicht Akzeptierte, das Nicht-Normale keinen Platz hat, versteckt werden muss und zu Gefühlskälte führt:

„Das, was in mir hart geworden war, hinderte mich daran, tief und innig, … zu fühlen. Von uns beiden hatte ich den schlimmeren Herzfehler.“

Als dann eines Tages der „Krawattenmann“ nicht mehr kommt, macht sich der Ich-Erzähler auf, ihn zu Hause zu besuchen. Doch er kommt zu spät.

Nicht zu spät aber für ihn, zu versuchen, Kontakt zu den eigenen Eltern aufzunehmen. Sie setzen sich zusammen und verständigen sich „mit Hilfe des Uneigentlichen über das Eigentliche.“ Es war wie „ein erstes Aufatmen, nachdem wir alle drei unter Wasser gewesen waren. Das Durchbrechen der Oberfläche. Wir prusteten noch.“

Sie schaffen es, den Reset-Knopf zu drücken: „ANFANG“ – Das Ende dieses faszinierende Roman.

Milena Michiko Flašar, Ich nannte ihn Krawatte, Roman, Berlin 2020, 140 S. einschließlich der Worterklärungen, ISBN 978-3-8031-28294

Dienstag, 12. Januar 2021 | Kategorie: Allgemein | Kommentare (6)

Ich möchte in die Lichtweiten
Hundert Arme breiten
Wie Zweige –
Armzweige mit Blätterfingern
Und dann fühlen wie Mittagsgluten,
Wie Lichtfluten
Durch sie schlingern –

Ich möchte aus deinem Wirbelkopf,
Lebensbaum,
aus dem Laubtraum
Wie Lichtgetropf,
Wie Windsingen
Mich aufschwingen
In den Weltraum!

(Gerrit Engelke)