Nawal El Saadawi, Eine Frau am Nullpunkt

“Eine Frau am Nullpunkt” ist die Lebensgeschichte Firdaus, einer zum Tode verurteilten Frau, erzählt von der Autorin, einer Ärztin, die sich im Rahmen einer Untersuchung mit der seelischen Situation von weiblichen Gefangenen in ägyptischen Gefängnissen beschäftigt.
“Lassen Sie mich sprechen. Unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe keine Zeit, Ihnen zuzuhören. Heute abend um sechs Uhr holen sie mich.” So beginnt die Geschichte Firdaus, die einen Mann erstochen und jegliches Gnadengesuch ablehnt hat . Sie fürchtet den Tod nicht mehr, denn das Leben, das sie als Frau geführt hat, war geprägt von Ausbeutung, Unterwerfung, Gewalt durch Männer. Selbst als sie liebt, wird sie von demjenigen ausgenutzt, weil er “es” von ihr bekommt, ohne bezahlen zu müssen. Dabei hat sie das Glück gehabt, zur Schule gehen zu können. Dennoch wird sie zwangsverheiratet, erarbeitet sich nach ihrer Flucht als Prostituierte einen Lebensstil, der sie von den Frauen der Oberschicht kaum unterscheidet, will ehrbar werden durch Arbeit und erlebt auch dort, “daß eine weibliche Angestellte mehr Angst um ihren Arbeitsplatz hat als ein Prostituierte um ihr Leben. … Und so zahlt sie den Preis für ihre imaginären Ängste mit ihrem Leben, ihrer Gesundheit, ihrem Körper und ihrem Verstand.” Fazit ihres Lebens: “daß alle Frauen Prostituierte sind, die sich zu unterschiedlichen Preisen verkauften, und daß es besser war, eine teure Prostituierte zu sein als eine billige.” Gute Männer gibt es nicht- ihr jedenfalls ist keiner begegnet. Sie wird wieder Prostituierte, die es sich leistet, Männer auch abzulehnen, was ihren Preis enorm in die Höhe schnellen lässt. Doch dann taucht einer auf, der sie beschützen will – notfalls mit Gewalt gegen sie selbst.
Die Geschichte dieser Frau, ihre Gefühle, vor allem auch die Empfindungen ihres Körpers, werden sehr metaphorisch, dennoch in brutal klaren Worten verfasst und ist sicher typisch für die Situation der Frauen in vorderen Orient in den siebziger, achtziger Jahren. Die Autorin wird nach der Veröffentlichung ihres ersten Buches “Frauen und Sexualität” als Direktorin des Gesundheitsamtes in Kairo entlassen, ihre Bücher kommen auf den Index.

Nawal El Saadawi: Eine Frau am Punkt Null, Deutsch von Anna Kamp, München 1993, 116 S. ISBN 3-423-11714-1

Datum: 10. Juli 2010
Themengebiet: Buch-Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

Ein Kommentar

  1. 1

    […] Nawal El Saadawi, Eine Frau am Punkt Null, S. […]

Kommentar abgeben