Joseph Roth, Hiob

„Hiob“ ist der „Roman eines einfachen Mannes“, der zur Zeit des Zaren in Russland als Jude und Lehrer mit seiner Familie in einem Dorf wohnt und mehr schlecht als recht durchs Leben kommt.
Mendel Singer hat vier Kinder, drei Jungen und ein Mädchen, wobei Menachim, der jüngste Sohn sich nicht richtig entwickelt, epileptische Anfälle hat, nicht gehen und sprechen lernt. Später ist „Mama“ das einzige Wort, was er spricht, sich damit aber durchaus verständlich zu machen weiß.

Deborah Singer entspricht dem Typ einer immer (an)klagenden Frau, die ihrem Mann alles nur Mögliche vorwirft: „Die Kinder … , die Teuerung, die niedrigen Honorare und oft sogar das schlechte Wetter.“ Nach der Geburt des vierten Kindes wendet sie sich ausschließlich diesem zu. Es ist als habe sie keine weiteren Kinder und auch keinen Mann mehr, denen sie sich zuwenden müsste. Allerdings müssen die Geschwister immer wieder auf den jüngsten Bruder aufpassen und rächen sich auf ihre Weise an ihm, der so einiges auszuhalten hat.

Mendel Singer erträgt fast alles, züchtigt seine Kinder, seine Schüler, wenn’s seiner Meinung nach not tut, und wacht darüber, dass die Kinder dem jüdischen Glauben entsprechend aufwachsen. Doch sein Einfluss schwindet immer mehr, und die Entwicklung der Kinder macht ihm zunehmend Kummer.

Jonas, der Ältere geht zu den Soldaten, Schemarjah wandert schon als junger Erwachsener nach Amerika aus, nennt sich dort Sam, schickt regelmäßig Geld und verspricht, seine Familie nachzuholen, wenn sie will. Und Mirjam, seine schöne Tochter, liebt die Abenteuer mit Soldaten der nahe liegenden Kasernen.
„Sie geht mit einem Kosaken.“

Als Mendel das mit eigenen Augen sieht, steht sein Entschluss fest: „Wir werden nach Amerika fahren. Menuchim muss zurückbleiben. Wir müssen Mirjam mitnehmen. Ein Unglück schwebt über uns, wenn wir bleiben.“

Und gegen den Willen Deborahs, die ihren jüngsten Sohn nicht zurücklassen will, denn ein Rabbi hatte ihr gesagt: „Verlass deinen Sohn nicht, auch wenn er dir eine große Last ist, gib ihn nicht weg von dir, er kommt aus dir, wie ein gesundes Kind auch“ brechen sie nach Amerika auf. Mirjam kann’s nur recht sein, denn: „In Amerika gab es noch viel mehr Männer.“

Der zweite Teil des Romans spielt in Amerika. Mendel, Deborah und Mirjam kommen sehr unterschiedlich mit der neuen Situation zurecht. Für Mirjam bedeutet Amerika Freiheit, Selbstverwirklichung, eine gewisse Selbstständigkeit mit eigenem Einkommen, Spaß und Vergnügen. Deborah bleibt sich in ihren Klagen treu, auch wenn sie anfänglich Kino und Theater gemeinsam mit ihrer Tochter genießen kann.

Auch Mendel bleibt sich treu, verliert sich damit aber gleichzeitig. Er kann und will sich nicht anpassen, er erinnert sich lieber und vergleicht seine jetzige Situation mit der in seiner alten Heimat, leidet und versteht nicht: nicht die Sprache, nicht die Menschen, nicht die vorherrschenden Werte. Er ist ein Nichts. Zu Hause war er immerhin ein unbedeutender Lehrer, Vater und Ehemann.

Dann bricht der 1. Weltkrieg aus. Jonas gilt nach einiger Zeit als verschollen, doch immerhin besteht ja noch Hoffnung. Sam fällt im Krieg. Als Deborah die Nachricht vom Tod dieses Sohnes hört, trifft sie der Schlag. Sie stirbt und Mirjam wird kurz danach als „Verrückte“ in eine Klinik eingewiesen.

Mendel kann das alles nicht mehr als gottgegeben hinnehmen, hadert mit seinem Gott, fragt nach der eigenen Schuld, die ihm aber nicht einfallen will, sagt sich von Gott los und überlegt, wie er ihn ärgern kann: Schnaps trinken, Schweinefleisch essen und den Sabbat nicht mehr einhalten. Sein Zorn hat eine Richtung. Mendel will sogar seinen „Gott verbrennen“, indem er seine Gebetsriemen etc. verbrennt. Doch: „Sein Herz war böse auf Gott, aber in seinen Muskeln wohnte noch die Furcht vor Gott.“

Mendel zieht sich von allem und allen zurück, lebt in einer kleinen Kammer bei einem Freund und verrichtet für dessen Frau Boten- und sonstige Dienste, betet nicht mehr. Nur ein Lied, das er einmal gehört hat, rührt ihn. Er hört es immer und immer wieder. „Das Lied heißt: Menuchims Lied.“ Es ist das einzige Licht in seiner dunklen, hoffnungslosen Welt. Und dann meldet sich eines Tages ein Fremder an, der Mendel unbedingt sprechen will.

Der Roman erzählt scheinbar nur die Geschichte eines einfachen Mannes und seiner Familie aus einer fernen Vergangenheit. Doch letztendlich geht es um existenzielle Fragen:
Wer bin ich?
Was will ich (erreichen)?
Was gibt meinem Leben Sinn?
Antworten muss der Leser selbst finden – zumindest für sein eigenes Leben.
Für mich ist das Buch eine Entdeckung. Ich werde mich schlau machen, was Roth sonst noch geschrieben hat.

Joseph Roth, Hiob, Roman eines einfachen Mannes, Braunschweig 2012, a.d. Reihe: Einfach Deutsch, ISBN 978-3-14-022555-7

Datum: 4. Mai 2014
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2 Kommentare

  1. Menachem | Montag, 5. Mai 2014 21:13
    1

    Danke für deine schöne Rezension. Hatte in letzter Zeit kein gutes Händchen für mich fesslnde Bücher. Auch als Hörbuch erhältlich, wie ich gerade gesehen habe.
    Menachem

  2. mona lisa | Montag, 5. Mai 2014 23:07
    2

    Es ist ja eher eine Inhaltsangabe! Doch der Roman hat mir gut gefallen. Die Sprache ist recht einfach, dennoch prägnant und teilweise berührend!

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