Raija Siekkinen, Wie Liebe entsteht

Wer darauf hofft, nach der Lektüre dieses Erzählbandes eine Antwort gefunden zu haben, der wird enttäuscht sein.
„Ich kannte ihn schon, als er sich von seiner Familie trennte, und auch, als er sich von der Frau trennte, wegen der er seine Familie verlassen hatte.“
Man hat eher eine Ahnung davon, wie zerbrechlich Liebe ist, wie schnell sie zu Ende sein kann. Entweder verschwindet sie – mehr oder weniger unbemerkt – im Alltag oder endet jäh, von einer Minute zur nächsten.

Es sind zehn kammerstückartige, jeweils aus der Perspektive einer Frau geschriebene Erzählungen, die scheinbar an der Oberfläche bleiben, zart Landschaften, die Umgebung beschreiben oder einfach nur das Haushaltsinventar eines Paares aufzählen:
„Auch vieles andere hatten sie angeschafft, damit das Leben einfacher wurde: eine Geschirrspülmaschine, eine Waschmaschine mit Trockner, eine Mikrowelle und ein zweites Telefon, da die Wohnung groß war.“
Doch, das Leben wird nicht einfacher: „Das Leben lief, es blieb viel Zeit, auch zum Nachdenken, was gewesen war, was hätte sein können und was in Zukunft sein würde. … Was passierte mit ihnen allen?“

Der morgendliche Blick in den Spiegel lässt Frauen – oft wie über Nacht – „in ihrem Gesicht den Ausdruck einer alten Frau“ sehen. „Ohne Lächeln, ohne jede Mimik.“
Und dann wird mit einem Schlag etwas klar:
„Unterhalb der Ereignisse verlief noch ein tieferer Strom des Geschehens, dunkel und unberechenbar im Verlauf. Dort reiften Entscheidungen, langsam und ohne dass man es merkte, während oben das Leben weiterging und unbedeutende Kleinigkeiten sich addierten, bis man eines Morgens, ohne zu begreifen warum, aufwachte und etwas wusste.“

Und in dieser Spannung leben die Erzählungen. Der Leser ist immer darauf gefasst, dass sich dieser „tiefere Strom“ unter dem, was erzählt wird, zeigt. Durch die gewählten Überschriften, hat er manchmal einen Vorsprung vor den beteiligten Personen und ist gespannt, wann das Eigentliche, das, worum es wirklich geht, deutlich wird.

Manchmal stapft er dann noch einmal mit der Protagonistin ins Haus:

„An einem Abend ging ich danach noch hinaus, spazierte durch den Schnee und sah zu unserem Haus, dessen Fenster hell leuchteten, und dachte, dass ich in meinem eigenen Leben feststeckte und es keinen anderen Ort gab, an den ich gehen konnte. Ich kehrte in meinen Fußstapfen zurück, an der Tür kam mir Wärme entgegen.“

Es sind wunderbare Erzählungen, die anlässlich der diesjährigen Buchmesse ins Deutsche übersetzt wurden. Entstanden sind sie bereits 1991. Ich würde mir von Herzen wünschen, dass weitere Bücher von dieser Autorin, die 2004 bei einem Brand ums Leben gekommen ist, übersetzt und so liebevoll herausgegeben werden: mit Leineneinband und zartfarbigem Lesebändchen.

Ein sicherlich willkommenes (Weihnachts-) Geschenk! Jedenfalls wünsche ich diesen Erzählungen zahlreiche LeserInnen!!

Raija Siekkinen, Wie Liebe entsteht. Deutsch v. Elina Kritzokat. Mit einem Nachwort v. David Wagner, Dörlemann Verlag, Zürich 2014, 174 S., ISBN 978-3-03820-008-6

Datum: 13. November 2014
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2 Kommentare

  1. Sonja | Freitag, 14. November 2014 23:12
    1

    „Unterhalb der Ereignisse“- einer der Ströme sind die Träume.
    Diese Erzählungen möchte ich lesen, ich glaube, sie passen gerade sehr.

  2. mona lisa | Samstag, 15. November 2014 7:10
    2

    Ich lese normalerweise nicht gerne Erzählungen. Diese haben mir außerordentlich gut gefallen u. werde sie sicher noch einmal lesen!!
    Dir ein angenehmes Wochenende!

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