Martin Walker, Stille Nacht

Still und leise geht es in dieser kleinen Geschichte von Martin Walker aus dem Dörlemann Verlag schon zu, wenngleich nicht unbedingt weihnachtlich. Das macht aber schon der Untertitel deutlich: „Nicht nur eine Weihnachtsgeschichte“.

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Lucia ist mit Simon, einem Kriegsfotografen, verheiratet, der immer wieder für Monate weg ist, in den Nahen Osten. Sie haben in der Zeit seiner Abwesenheit dann keinen Kontakt. Lucia ist das gewohnt und dennoch kann sie sich an die Situation nicht wirklich gewöhnen.

„Komm wieder flüsterte sie in sein Ohr, ich liebe dich.
Pass auf dich auf, sagte er und drehte sich halb um. Ich liebe dich auch, jetzt und morgen und in fünfzig Jahren.“
Das sind ihre letzten Worte, nur wissen beide das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

In Lucia breiten sich Ungewissheit und die Sorge um ihren Mann aus. Die Konzentration auf ihre Arbeit wird erschwert durch die Absurdität, im Hochsommer – schwitzend, nur bekleidet mit einem Hemdchen und kurzer Hose – die Weihnachtsdeko des Jahres für den Concept Store Mona Mia zu entwickeln:

„Und ich soll mich mitten im Sommer winterliche Gefühle entwickeln, die den Konsumrausch der Kundinnen … beflügeln. Und wenn es dann soweit ist, denke ich bereits wieder an Ostern, baue die Deko ab, kaum sind die Geschenke ausgepackt, werden Rabattzettel an die Ware gehängt, die vor wenigen Tagen noch das Doppelte gekostet hat und nun plötzlich nur noch die Hälfte wert sein soll.“

Zudem überlagern Erinnerungen an frühere Weihnachtsfeiern zu Hause mit ihren Eltern ihre Gedanken.

„Die Klingel an der Tür unterbrach die schwelgerische Stimmung. Im Treppenhaus stand ein Mann, langweilig, aber korrekt, vor allem zu warm gekleidet, sie kannte ihn nicht. … Er komme vom Außenministerium, ob er kurz reinkommen dürfe. … Eine Stunde später war der Mann gegangen und Lucia saß auf dem Sofa. Die Welt war geschrumpft auf ein T-Shirt von Simon – eins aus dem gemeinsamen Urlaub in Italien mit einem riesigen Eis vorne drauf, in dem er gerne schlief -„

Sie igelt sich in ihrer Trauer erst einmal ein, gut gemeinte Vorschläge, zu reisen oder sogar wegzuziehen, findet sie absurd:

„Weggehen, dachte sie wohin? Simon ist überall und ich bin, wer ich bin, egal wo.“

Sie lernt – auf ihre Weise – mit der Trauer zu leben, sensibel unterstützt von Anatole, einem Künstler, der sie anregt, darüber nachzudenken, die Bildern ihres Mannes öffentlich auszustellen. Über ihn lernt sie auch Saeed kennen, einen scheuen Künstler aus Syrien, dem sie in dem Concept Store Mona Mia schon begegnet ist, den sie aber auch aus anderen Zusammenhängen glaubt zu kennen. Mit ihm kann sie sich wirklich über die Bedeutung und dem Wert von Trauer unterhalten, denn Saeed kennt sie aus eigener leidvoller Erfahrung und scheint Lucia zu verstehen.

Es ist eine leise, einfach und klar erzählte Geschichte – liebevoll gestaltet mit roter Weihnachtskugel auf dem Cover und ausgestattet mit einem passenden roten Lesebändchen – die einen in der nun kommenden Adventszeit – der sogenannten stillen Zeit – dazu bewegen kann, still zu werden und innezuhalten. Passend als Mitbringsel zu allen möglichen Gelegenheiten – nicht nur zur Advents- und Weihnachtszeit.

Martin Walker, Stille Nacht. Nicht nur eine Weihnachtsgeschichte. Dörlemann Verlag Zürich 2016, 96 S., ISBN 978-3-03820-038-3

Datum: 14. November 2016
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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2 Kommentare

  1. seelenruhig | Dienstag, 15. November 2016 6:24
    1

    Sehr nahe gehend diese Geschichte. Ich werde mir das Büchlein besorgen! Danke einmal mehr für einen guten Tipp…

  2. mona lisa | Dienstag, 15. November 2016 7:14
    2

    Gern, es ist schnell gelesen, wirkt aber nach!
    Liebe Grüße!!

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