Heinrich Böll, Der blasse Hund

Dieser Erzählband enthält frühe, aus dem Nachlass entnommene Erzählungen, die – bis auf eine – unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg entstanden sind. Es sind kurzgeschichtenhafte Einblicke in die Situation von Menschen, die mit den mittelbaren oder unmittelbaren Auswirkungen des Krieges zu tun haben, meist bis ins Innerste erschüttert und sei es “nur” durch den Anblick eines Stücks herabhängender Dachrinne in der Erzählung “Verlorenes Paradies”: “Sieben Jahre hatte dieses Stück Dachrinne dort gehangen, sieben Jahre, oh, ich war weit weg gewesen, ich hatte oft den Tod gesehen, gerochen, gespürt, ich hatte üppig gelebt, hatte gehungert, bis an jene Grenze gehungert, wo man anfängt, von duftendem weißem Brot zu träumen, und sich auszumalen beginnt, daß man darin wühlen wird, wühlen, daß man verteilen wird, Brot auswerfen in die ganze hungernde Welt, ich hatte gehungert, bis an jene Grenze, wo man den Hunger nicht mehr spürt, sondern schon eingelullt ist von süßen Träumen, die einem das wirkliche Essen – wenn es wieder anfängt – als etwas unsäglich Wider-liches erscheinen lassen.” Kleinigkeiten lösen – oft ungebremst, ungefiltert – einen Wust an Erinnerungen aus, erkennbar an vielen endlos langen detail-reichen Sätzen, die gleichwohl Sprachlosigkeit, Rückzug in Stille, Einsamkeit  und Kontaktunwilligkeit zur Folge haben können. Dass diese Erzählungen damals nach dem Krieg wenig Chancen hatten, veröffentlicht und gelesen zu werden,  ist aus der Distanz heraus zu verstehen. Wer wollte schon mit dem eigenen inneren und äußeren Elend, eigener Unsicherheit und der Notwendigkeit einer Neuorientierung konfrontiert werden? Doch findet auch der heutige Leser genug  Möglichkeiten nachzudenken, etwa, wann “gehört” mir mein Mann, meine Frau ( wer auch immer)? Gehört er mir überhaupt jemals, kenne ich ihn? In zitierter Erzählung gehen dem Heimkehrer, der über Jahre Briefe aus der Heimat erhalten hat, folgende Gedanken durch den Kopf:  “Fünfundzwanzig Jahre hatte ihr Herz geschlagen, aber nur eine Minute lang hatte er den Schlag ihres Herzens gespürt, fünfundzwanzig Jahre lang hatte ihr Gehirn gedacht, Millionen und abermals Millionen von Gedanken, und nur einen Bruchteil kannte er. Er hatte geglaubt, sie zu besitzen, unwider-ruflich sie zu besitzen, viel zu sehr, so sehr, daß er Angst … gehabt hatte, Angst davor, zurückzukommen, aber nun begriff er, daß es sinnlos und töricht gewesen, das zu denken. Er kannte nichts von ihr, nichts,  … er konnte ebenso gut einen Eimer Wasser aus dem Meer schöpfen und sagen, das Meer gehöre ihm.”
Es sind leise Erzählungen, oft Äußeres beschrei-bend, gleichwohl Inneres zur Sprache bringend, verschiedene Perspektiven einnehmend, so dass der Leser zu einem eigenen Bild, eigenen Einschätzungen kommen muss, häufig verbunden mit dem Gedanken: Nie wieder! und einer tiefen Dankbarkeit, dass einem Krieg im eigenen Land bisher als Lebenserfahrung erspart ge-blieben ist .

Heinrich Böll, Der blasse Hund, Erzählungen Köln 1995, mit einem Nachwort v. Heinrich Vormweg und editorischen Notizen, 207 S., ISBN 3-462-02439-6

Datum: 20. Januar 2011
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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Ein Kommentar

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    […] Urfaust” bezeichnet. In der Tat weist er viele Motive und Themen auf, die Böll in späteren Werken wieder aufgreift, die Sprache ist in Böllscher Manier gehalten: einfach und doch sehr […]

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