Milena Michiko Flašar, Herr Katō spielt Familie

„Als man ihm sagt, dass alles in Ordnung ist – keine Auffälligkeiten, nichts Besorgniserregendes – für sein Alter tippttopp – , da empfindet er neben der Erleichterung eine insgeheime Enttäuschung. Er hat gehofft, man würde etwas finden. Und auch wenn es ihm kaum bewusst gewesen ist, hat ihm die Hoffnung darauf ein Gefühl von Wichtigkeit gegeben: Man würde etwas finden und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Eine Diät etwa. Sport. Drei Tabletten pro Tag. Maßnahmen, auf die er sich gefreut hat und die er trotz Vorfreude darauf zuerst mit einigem Widerstand, dann, sich nach und nach fügend, am Ende eifrig befolgt haben würde. Aber so? Was soll er machen?“

Ja, was soll Herr Katō machen? Pensioniert, Fremdheit, das einzig Vertraute zwischen seiner Frau, ohne Aufgabe. Da sind die Tage sehr lang, denn Herr Katō kann auch nicht „müßig spazieren gehen“, da er nicht weiß, was er mit seinen Händen machen soll. In die Taschen stecken, baumeln lassen? Ist es sinnvoller, eine To-do-Liste anzufertigen, Dinge zu erledigen, die er immer schon erledigen wollte? Oder sich einen Hund anzuschaffen?

In dieser Situation trifft er auf einem Friedhof – wo er sich unbeobachtet glaubt – eine junge Frau, die eine Agentur betreibt, bei der Menschen Menschen buchen können, die dann für eine vorher festgelegte, befristete Zeit die Rolle nicht anwesender oder verstorbener Familienangehöriger, Freunde, Kollegen etc. spielen sollen.

„Ich spiele Familie.“ Das ist ihre Antwort auf Herrn Katōs Frage nach ihrer Tätigkeit. Und das nur einmal, damit keine Beziehung, Bindung entstehen kann: „ein Hochseilakt. Ich involviere mich und bleibe gleichzeitig draußen. Alle denkbaren Konsequenzen … trägt “ der Auftraggeber.

„Sie sehen mir aus, wie einer der viel zu selten und viel zu wenig gebraucht wird.“ Damit trifft sie ins Schwarze und ab da spielt auch Herr Katō – ab und zu – Familie. Und das bleibt nicht ohne Folgen.

Auch dieser Roman thematisiert wie „Ich nannte ihn Krawatte“ die Einsamkeit von Menschen in der japanischen Gesellschaft, die noch stärker von gesellschaftlichen Normen und Regeln geprägt zu sein scheint, die ein Miteinander, Nähe, das Austauschen oder Sprechen über Gefühle erschweren. Es ist ebenfalls ein eindringlicher, leiser Roman, dennoch hat er mich nicht derart fasziniert wie der „Krawattenroman“, ohne dass ich genau sagen kann, weshalb. Er hat mich einfach nicht so berührt. Lesenswert ist der Roman dennoch.

Milena Michiko Flašar, Herr Katō spielt Familie, Roman, Berlin 2018, 170 S., ISBN 978-3-8031-3292-5

Datum: 29. Januar 2021
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