Bernhard Bueb, Lob der Disziplin

Erneut greift Schüler Lehrer an.

Bekommen Lehrer demnächst zum Ortzuschlag noch eine Gefahrenzulage oder gehören sie zu der Berufsgruppe, die einen Waffenschein beantragen können?

Nein, im Ernst. So kann es nicht weitergehen. Der Werte- und Autoritätsverlust in unserer Gesellschaft hat zu einem nicht mehr zu übersehenden Erziehungs- und Bildungsnotstand geführt. Der geht uns alle an, weil er uns das Leben schwer macht und uns in vielen Bereichen nur Mittelmaß sein lässt.

“Die fundamentalen Werte unserer Kultur und Moral werden ernsthaft von niemandem bezweifelt, aber ihre Umsetzbarkeit in Tugenden sehr wohl. Nicht der Verfall der Werte ist das Problem unserer Zeit, sondern der Verfall des Glaubens, dass diese Werte auf die Erde geholt werden können, dass die Menschen ihnen in ihrem Leben noch eine Chance geben.”

In seinem als Streitschrift konzipierten Buch zeigt Bueb, langjähriger Leiter des Internats Salem, einen aus seiner Sicht gangbaren Weg. Er fordert, dass die lange mit dem “Geruch des Unmenschlichen” behafteten Sekundärtugenden wie Ordnung, Gehorsam, Pünktlichkeit, Disziplin, begleitet von klaren Tagesstrukturen und Riten im Jahresverlauf wieder Eingang in die Erziehung von Kindern und Jugendlichen finden müssen. Allerdings gepaart mit: Güte, Liebe, Fürsorge und Vertrauen in die zu erziehenden Kinder und Jugendlichen.

Den lange propagierten Weg, Jugendliche durch Selbstbestimmung zu verantwortlichem Handeln zu erziehen, hält er für einen Irrweg, der in einem idealisierten und romantischen Bild von Kindern und Jugendlichen begründet ist. Denn: “Mit der Vermehrung der Rechte aber korrespondierte nicht automatisch die Bereitschaft, entsprechend die Pflichten zu vermehren. ”

Er ermutigt die mit der Erziehung Beauftragten konsequent dafür zu sorgen, dass das Recht von Kindern und Jugendlichen auf klare Regeln, Disziplin und Sanktionen bei Nicht-Einhalten der Regeln wieder den pädagogischen Alltag prägen sollte. Statt zeitraubender Diskussionen – “Sie stehlen Erwachsenen und Jugendlichen Zeit und Energie, sie zerren an den Nerven und machen das Geschäft der Erziehung unnötig anstrengend” -,ist “‘Gehorchen’ die angemessene Antwort auf die Anweisungen der zuständigen Autorität. Gehorsam solcher Art entspricht der Würde der Erwachsenen, weil die Person, die Autorität ausübt, ebenso ein Recht auf Würde besitzt wie der, der sich unterordnen muss.”

Aber haben nicht viele Eltern, Erzieher und Lehrer ihre Autorität längst verloren, unter anderem auch deshalb, weil ihnen kaum sinnvolle Sanktionsmöglichkeiten zur Verfügung stehen? Maßnahmen, wie sie in Salem, einer Privatschule, zur Verfügung stehen, können Pädagogen in staatlichen Schulen (noch?) nicht anwenden.

Es ist ein Buch, das Wege aufzeigt, aber auch nicht verhehlt, dass und wie viel Zeit, Mühe, Engagement, Veränderungen in der Schul- und Erziehungslandschaft notwendig sind, um Kindern, die Begabungen, die in ihnen stecken, sichtbar und lebbar zu machen, sie zu Jugendlichen zu erziehen, die dann als Erwachsene ihren Weg in die Selbstständigkeit, Selbstdiziplin und Freiheit finden, weil sie es gelernt haben.

“Das Wechselspiel von Zwang und Freiheit begleitet die Menschen ihr ganzes Leben.” Darauf müssen Jugendliche vorbereitet werden durch Eltern, Lehrer und Erzieher, die diese Spannung aushalten und “sich bemühen, sie fantasievoll und zuversichtlich zu leben.”

Ein Buch, dem ich viele engagierte Lesern wünsche, die mit Erziehung zu tun haben, auf dass sie gemeinsam Wege aus dieser Not finden. Es muss wieder deutlich sein: Erziehung ist eine Aufgabe aller Beteiligten.

Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift. Berlin 2006. 174 S. ISBN 3-471-79542-1

Datum: 25. November 2006
Themengebiet: Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

3 Kommentare

  1. Das Nest | Sonntag, 26. November 2006 19:53
    1

    Hui, das ist doch mal eine Streitschrift, die mich streitbar macht. mal sehen, ob ich das jetzt hinkriege oder nochmal anfange, wenn ich mehr Zeit habe.

    also ich hab schon mehrere Sendungen über Salem gehört, und die haben mich mehr als skeptisch zurückgelassen, muß ich sagen. Es ist eine Binsenweisheit, daß unsere Werte verfallen, finde ich. Ich finde es auch keinen so riesigen Unterschied, ob man nun sagt, daß die Werte verfallen, oder daß sie nicht mehr umgesetzt werden. In der Konsequenz kommt das doch wahrscheinlich so ziemlich auf dasselbe heraus.

    Regeln vereinfachen das Leben. Das stimmt. Und wenn jeder weiß, woran er sich halten muß, ist das gut. so weit komme ich mit. Daß aber für die würde der erziehenden autorität gehorchen das Mittel sein soll, um sie zu wahren, halte ich für sehr vereinfacht. Klar kann man Dinge zerreden, zu viel diskutieren – ein Thema, das ich nicht zuletzt mit meinem Liebsten dauernd durchfechte. Aber kategorisch zu sagen, Diskussionen über diese Regeln vergeudeten kostbare Zeit und seien eher nutzlos, halte ich für falsch. Alles muß halt zu seiner Zeit geschehen, finde ich.
    Die Schüler, die in der langen Sendung im Deutschlandfunk über Salem zu Wort kamen, waren, wie ich fand, durchweg sehr zurückhaltend. Es gab wenige bis keine, die offen kritisierten, aber ich bilde mir ein, zwischen den Zeilen schon gehört zu haben, daß das System nicht allen gleich gut gefiel. Vielleicht bilde ich es mir aber auch wirklich nur ein, und außerdem gefällt nichts allen. Aber in mir war ein starkes Unbehagen. Auch saß ich mal mit einem Lehrer aus Salem in einem Zug und belauschte unabsichtlich, aber interessiert, ein Gespräch mit seinem Sitznachbarn, und das klang für mich alles so schrecklich abgehoben, so theoretisch und elitär, muß
    ich sagen, daß ich eine Gänsehaut bekam. Auch die Schüler erzählten, daß sie in so einer Art Ags oder Projekten verschiedene Dienste versahen: Mit behinderten, als so eine Art Sanitäter und so was. Jeder Schüler muß, wenn ich das richtig verstanden habe, solche Gruppen besuchen. Das ist sehr wichtig für das Ansehen an der Schule. Aber erreicht so ein Zwang zum sozialen wirklich eine Auseinandersetzung? Kann ich zweimal in der Woche – mal ganz überspitzt gesagt – lernen, mit sozialen Randgruppen umzugehen, während ich den Rest meiner Zeit isoliert in einem Elite-Internat verbringe? Ich bezweifle es, lasse da aber gern mit mir reden. Und mit vielen guten Hilfsmitteln und Schul- sowie Freizeitangeboten mag die Disziplin das sein, was zum wahren glück noch fehlt. Aber solange das ein Prinzip für reiche bleibt, ist es für mich nicht in Ordnung. Und so gut es in Salem funktionieren mag: Das läßt sich so kaum in einer Grund- und Hauptschule in Großstädten zum Beispiel anwenden, glaube ich. Da wird der Ruf nach Disziplin dann ganz schnell auf einen Ruf nach Gehorsam verkürzt und zum Drill. Ich war selbst in einem Internat, wo wir sehr diszipliniert waren – ich kann Euch sagen: Selbständiger hat *das* mich ganz sicher nicht gemacht. Ich mußte später nach der Schule, an der Uni und im Alltag, lernen, mich durchzusetzen, frei und selbstbestimmt zu denken. Meine Werte wie Rücksichtnahme am richtigen Punkt, Freundlichkeit und so weiter, nach denen ich hoffentlich meistens auch lebe, habe ich von zu Hause mitbekommen, und das war sicher kein besonders diszipliniertes Umfeld. Regeln sind eine Sache, aber die wirklich wichtige, die uns fehlt, finde ich, ist die Vorbildfunktion. Es fehlen schon in der letzten Generation Menschen, die das vorleben. Da kommen wir schnell bei den Familien an, die Unterstützung, *mehr* Unterstützung bräuchten, um das gewährleisten zu können. Kleinere Klassen könnten nicht schaden, ganz gewiß nicht. Und natürlich *auch* Regeln, denn Regeln sind Sicherheit. Aber so, wie der autor des von Dir beschriebenen Buches das darstellt, kann ich es für mich nicht stehen lassen.

  2. mona lisa | Sonntag, 26. November 2006 20:12
    2

    Für eine angemessene Antwort brauche ich ein wenig mehr Zeit, kann also etwas dauern – aber sie kommt.

  3. mona lisa | Dienstag, 28. November 2006 20:53
    3

    Ansichten, die der Autor in diesem Buch verarbeitet, zur Diskussion anbietet, sind sicher gespeist aus den Erfahrungen , die er in Salem gemacht hat, die vielleicht auch nur in Internaten so umsetzbar sind, die sich ihre Schüler aussuchen können.

    D.h. aber nicht,dass manche seiner Ansichten nicht bedenkenswert wären und die Umsetzung in die pädagogische Praxis Jugendliche nicht angemessener auf das Leben da draußen vorbereiten könnte.

    Erziehung wird auch immer eine Gradwanderung sein. Gehorsam als Selbstzweck, unhinterfragt, darum geht es ihm nicht.

    Für ihn ist die "narzistisch gefärbte Anspruchshaltung vieler Kinder und Jugendlicher (..) eines der großen pädagogischen Ärgernisse."

    Aus eigener vielfacher Erfahrung mit Kindern, vor allem aber mit Jugendlichen
    kann ich viele der von ihm gemachten Erfahrungen bestätigen. Diskussionen dienen oftmals nur dazu, sich vor Arbeiten, die gemacht werden müssen, zu drücken.

    Im übrigen setzt er sich für Ganztagschulen ein, in denen die Kinder auch nachmittags betreut und gefördert werden, von Lehrern, die dann weniger unterrichten, kleinere Klassen betreuen müssten, damit Erziehungsarbeit sinnvoll geleistet werden kann.
    Bei den großen Klassen in staatlichen Schulen ist eine solche Erziehung nicht zu leisten.

Kommentar abgeben