Colum Mc Cann, Zoli

“Ich war sechs. Meine Eltern waren fort, meine Brüder und Schwestern, meine Vettern und Cousinen ebenfalls: Sie waren von den Hlinka-Garden aufs Eis getrieben worden. Rings um den See wurden Feuer entzündet und MGs aufgebaut, sodass sie nicht fliehen konnten. Als es gegen Mittag immer wärmer wurde, zwang man sie, die Wohnwagen in die Mitte des Sees zu fahren. Das Eis brach, die Räder versanken, und der Rest folgte ihnen, Wohnwagen, Pferde, Harfen. Ich habe es nicht mit eigenen Augen gesehen, meine Tochter, aber in Gedanken konnte ich es hören, und obwohl später großartige Musik erklang, obwohl es später süßklingende Augenblicke gab, in denen unser Volk stark war, geehrt und geschätzt, werden diese Jahre immer dadurch geprägt sein, dass ich zurückblickte und lauschte und darauf wartete, dass meine Familie uns einholte.
Nur Großvater und ich entkamen – wir waren drei Tage auf der anderen Seite des Sees unterwegs gewesen. Wir kehrten in eine Stille zurück.”

So beginnt die Geschichte Zolis, einer slowakischen Roma, die lesen und schreiben kann, was eine zeitlang niemand aus der Sippe wissen darf, da es einen Tabubruch bedeutet. Sie erreicht später mit ihren Liedern und Gedichten ungeahnte Popularität, was u.a. dazu führt, dass das Ansehen der Zigeuner – Zoli selbst nennt sich manchmal so – in der Bevölkerung unter den Sozialisten offiziell besser wird. Zu spät merkt Zoli, dass sie und ihre Lieder und Gedichte instrumentalisiert worden sind, u.a. um die Roma – auch mit Gewalt – sesshaft zu machen. Sie wird mit verantwortlich gemacht und von ihrer Sippe verstoßen – niemand nimmt ihren Namen mehr in den Mund. Sie ist vogelfrei. Ihr Ziel ist Paris. “Es war so seltsam, dass ihr vor ein paar Tagen, an dem Kontrollposten, Paris eingefallen ist, … . Sie lässt das Wort prüfend über ihre Zunge gleiten. ‘Paris.’ Sie dehnt es: eine breite, elegante Avenue aus Vokalen und Konsonanten.”

Es ist ein Buch, das Einblick in das Leben von Roma gibt, in ihre Art zu leben, in ihre Musikalität, in ihren unbändigen Freiheitsdrang, ihre Unabhängigkeit. Es ist aber auch ein Buch über eine starke, junge Frau, die ihre eigene Vorstellung von Freiheit und Unabhängigkeit leben will. Lesenswert!

Colum McCann, Zoli, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Reinbek 2007, 383 S. ISBN 978 3 498 04489 3

Datum: 22. Januar 2007
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2 Kommentare

  1. Ludovika | Montag, 22. Januar 2007 21:22
    1

    jemand meinte, man dürfe das wort "zigeuner" gar nicht mehr benutzen…
    gruß von Lu, die das buch unbedingt lesen will!

  2. mona lisa | Montag, 22. Januar 2007 21:25
    2

    Deshalb habe ich explizit darauf hingewiesen, dass sich Zoli selbst so nennt.

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