W. F. Nerin, Versöhnung mit den Eltern

“Versöhnung mit den Eltern” der Titel ist gleich-zeitig Programm für einen Prozess, der dazu führen kann, den Bezug zu den eigenen Wurzeln (wieder) herzustellen, sie in das eigene Leben zu integrieren, in dem die eigenen Eltern als Menschen wie du und ich gesehen werden und nicht mehr vordergründig in ihrer hierarchisch aus-gerichteten Rolle als Eltern. Nerin stellt ausführlich die Not-wendigkeit dieses letzten Schrittes dar auf dem Weg, tatsächlich erwachsen zu werden und sich selbst aus der Rolle des Kindes und die Eltern aus der Rolle der Erzieher zu entlassen. Genogramme, Chroniken, Geburts-phantasien und vor allem Familienrekonstruktionen sind für ihn bewährte Möglichkeiten, die er in Texten und Gra-fiken dem Leser nahe bringt.
Die Entlassung aus der eigenen Kindrolle erleichtert es mit Sicherheit, sich selbst aus der Elternschaft zurückzuziehen und die eigenen Kinder auf ein gleichberechtig-tes Miteinander vorzubereiten – es sei denn diese hätten mittlerweile diesen Schritt bereits selbst vollzogen.
Spannend finde ich neben den inhaltlichen und methodischen Aspekten auch Nerins Hinweise darauf, dass keine ihm bekannte Sprache die Möglichkeit hat, das erwachsene Eltern-Kind-Verhältnis mit eigenständigen Begriffen zu bezeichnen, in denen keine Anklänge mehr an die frühere Beziehung vorhanden sind:
“Es ist so als würde man sagen: einmal Eltern, immer Eltern. Natürlich bleibt man immer Elternteil insofern, als man an der Zeugung eines Kindes mitgewirkt hat. Aber man bleibt nicht immer Elternteil in der zweiten Be-deutung des Wortes, die ausdrückt, daß man ein Kind aufzieht. Es gibt kein Wort für einen Mann oder eine Frau, die die Aufgabe der Elternschaft abgeschlossen haben.” In einer gelungenen Ablösung mag man die Eltern mit ihren Vornamen ansprechen, doch m.E. ist das allein noch kein Indiz über eine Wandlung der früheren Bindung in eine von Respekt, Anerkennung und Vertrauen getragene Beziehung auf Augenhöhe.

Insgesamt ein interessantes Buch, das auf der einen Seite die Schwierigkeiten dieses Prozesses deutlich macht, aber auch verschiedene Möglichkeiten aufzeigt, sich mit den Eltern zu versöhnen, egal ob sie schon gestorben sind oder noch leben und zu einem solchen Prozess bereit sind oder nicht.

William F. Nerin, Versöhnung mit den Eltern. Frei werden für das eigene Leben, übersetzt von Hanna van Laak München 1994, 238 S., ISBN 3-466-30374-5

Datum: 9. Juli 2011
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3 Kommentare

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    […] Weise sei Heilung nicht möglich. Damit scheint sie Autoren wie Nehring und seinem Buch “Versöhnung mit den Eltern” zu widersprechen. M.E. weist sie – notwendigerweise – darauf hin, dass Versöhnung, erst […]

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    […] William F. Nerin, Versöhnung mit den Eltern, Frei werden für das eigene Leben, München 1994, s. […]

  3. 3

    […] muss, sind höher. Doch sie findet einen Weg, ihren Weg, so dass auch mit dem Vater Versöhnung gelingen […]

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