Barbara Dobrick, Vom Lieben & Sterben

Das Buch “Vom Lieben & Sterben” thematisiert die im Untertitel genannten “Konflikte, Nöte und Hoffnungen Angehöriger” speziell von Krebspatienten. Anhand eigener Erfahrungen mit einer guten Freundin und aufgrund von anderen Betroffenen widmet sie sich den  Angehörigen, die in ihrer Not oft gar nicht gesehen werden, weil sich in erster Linie alles um die Kranken dreht. Dobrick klärt auf und räumt auf mit den zum Teil romantisierenden Vorstellungen über den Krankheits- und Sterbeprozess, mit dem friedlichen Abschiednehmen als Endpunkt. Schaffen Angehörige nicht, diese Vorstellun-gen umzusetzen, und es gibt zahlreiche Gründe, so plagen sie sich lange mit Schuld-gefühlen, mit Scham, ihrer (oft nur scheinbaren) Verantwortung nicht gerecht gewor-den zu sein.
Im Gegensatz zu Kübler-Ross, die davon ausgeht, dass der Sterbende verschie-dene Phasen durchmacht und letztendlich loslassen kann, legt  Dobrick anhand der vier Grundformen der Angst nach Riemann dar, dass jeder Kranke in seiner Krise nach einer der vier Grundformen mit der Angst vor dem Tod umgeht, die insgesamt typisch für sein Leben gewesen ist. “Das ist der tiefere Grund dafür, warum die Vorstellung naiv ist, man müsse nur die richtigen Mittel zur Verfügung stellen, man müsse sich den Kranken und ihren Bedürfnissen nur öffnen, dann würden sie selbst sich irgendwann klären und mitteilen, zu einer realistischen Sicht und zu innerer Ruhe gelangen.”
Allen Fällen, denen sie sich gewidmet hat, ist gemeinsam, dass die Menschen gestorben sind, wie sie gelebt haben und dass Angehörige das in aller Regel auch während der Krankheit kaum mehr korrigieren konnten. Dobrick macht darüber hinaus auch deutlich, “Sterbende verlassen die Welt – mit allem und allen, die dazu gehören. Dass sie nichts mehr von der Welt hören wollen, auch nichts mehr hören sollten, wonach sie nicht fragen, wissen viele Angehörige nicht. ” Auch nicht, dass die “Intimität des Sterbeprozesses” geachtet werden sollte und Angehörige Zurückweisungen Sterbender nicht auf sich persönlich beziehen müssen.
Ein nicht ganz einfach zu lesendes Buch, das  sicher wichtige Hinweise gibt, wie Angehörige mit ihrer Not, ihren Schuldgefühlen umgehen können oder es erst gar nicht soweit kommen lassen, in Not zu geraten, weil sie die Krise nutzen, auch sich selbst und ihr Verhältnis zu den Angehörigen zu klären.
Doch wann liest man ein solches Buch? In der Krise wird man dafür sicher den Kopf nicht frei haben.

Barbara Dobrick, Vom Leben & Sterben, Konflikte, Nöte und Hoffnungen Angehöriger, Freiburg 2010, 229 S. plus Anmerkungen u. Literaturverzeichnis, ISBN 978-3-7831-3497-1

Datum: 29. Dezember 2011
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

4 Kommentare

  1. Wildgans | Donnerstag, 29. Dezember 2011 21:45
    1

    Vorher lesen, vorher ist immer und jeden Tag!
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Donnerstag, 29. Dezember 2011 22:31
    2

    Wildgans, das ist wohl wahr, doch wer sieht das schon so?! Und wer weiß schon bzw. will wissen, was vorher ist. Das weiß man eher nachher!

  3. Autorin | Freitag, 30. Dezember 2011 13:30
    3

    Das Buch dürfte für alle interessant sein, die durch ihre Arbeit mit Sterbenden und ihren Angehörign zu tun haben.
    Den Betroffenen kann es auch dabei helfen, das Erlebte n a c h dem Tod ihres Angehörigen zu verarbeiten.

  4. mona lisa | Freitag, 30. Dezember 2011 15:42
    4

    an die Autorin: herzlichen Dank für diese Hinweise!

Kommentar abgeben